Assureti – Auf den Spuren einer verlorenen deutschen Heimat in Georgien
Es gibt Orte, die man besucht, fotografiert und wieder verlässt. Und es gibt Orte, die bleiben. Assureti gehört für mich zur zweiten Kategorie. Ich war nach Georgien gereist, um die Spuren der einstigen deutschen Siedler zu suchen. Was ich fand, war weit mehr als historische Architektur oder alte Dokumente. Ich begegnete einer Geschichte von Hoffnung, Heimat, Gewalt, Verlust – und von Menschen, die bis heute dafür sorgen, dass diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
Noch Wochen später denke ich an diesen Tag zurück.
Ein schwäbisches Dorf im Kaukasus
Dass es mitten in Georgien ein Dorf mit deutschen Wurzeln gibt, wissen nur wenige. Das heutige Assureti, rund 30 Kilometer südwestlich von Tiflis gelegen, trug bis 1921 den Namen Elisabethtal. Gegründet wurde es 1818 von pietistischen Auswanderern aus Württemberg.
Die Gründe für ihre Auswanderung waren vielfältig. Wirtschaftliche Not, Missernten und der Wunsch nach religiöser Selbstbestimmung führten viele Familien dazu, dem Ruf des russischen Zaren Alexander I. zu folgen. Er versprach den Siedlern Land, Religionsfreiheit und zahlreiche Privilegien. So entstanden im Kaukasus mehrere deutsche Kolonien, von denen Elisabethtal zu den erfolgreichsten wurde.
Noch heute erinnern die charakteristischen Fachwerkhäuser, die ehemalige evangelisch-lutherische Kirche und sogar Straßennamen an diese Zeit. Besonders berührt hat mich die Schwabenstraße. Schon dieser Name erzählt eine Geschichte. Er verweist auf die Herkunft jener Menschen, die ihre Heimat in Süddeutschland verließen und sich hier, tausende Kilometer entfernt, eine neue Existenz aufbauten.
Eine Nacht, die alles veränderte
Mehr als 120 Jahre lebten Deutsche und Georgier hier miteinander. Sie betrieben Landwirtschaft, Weinbau und Handwerk, gründeten Familien und prägten das Dorfleben.
Doch dann kam der Herbst 1941.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion erklärte das Stalin-Regime die deutschstämmige Bevölkerung pauschal zu potenziellen Feinden. Im Oktober 1941 geschah auch in Elisabethtal das Unfassbare. Innerhalb einer einzigen Nacht mussten die deutschen Familien ihre Häuser verlassen. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Möbel, persönliche Erinnerungsstücke, Tiere, Weinberge, Felder – ein ganzes Leben blieb zurück.
Die Menschen wurden auf Lastwagen verladen, später in Viehwaggons gepfercht und über tausende Kilometer nach Kasachstan und Sibirien deportiert. Viele überlebten die Strapazen der Reise oder die folgenden Jahre der Zwangsarbeit nicht. Nur wenige kehrten jemals nach Georgien zurück.
Wer heute durch Assureti geht, spürt diese Geschichte an vielen Stellen. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Sondern leise.
Video
Videobearbeitung: Dr. Achim Opel
Der Friedhof, auf dem die Namen geblieben sind
Besonders bewegend war für mich der Besuch des alten deutschen Friedhofs.
Zwischen hohen Gräsern und alten Bäumen stehen verwitterte Grabsteine. Manche sind umgestürzt, andere erstaunlich gut erhalten. Auf ihnen stehen deutsche Namen. Familiennamen, die einst zum Alltag dieses Dorfes gehörten. Manche Grabsteine nennen sogar den Beruf des Verstorbenen. Es sind kleine Details, die plötzlich aus Geschichte wieder Menschen machen.
Ich blieb lange zwischen den Gräbern stehen.
Es war vollkommen still.
Hier liegen diejenigen, die ihre neue Heimat nie wieder verlassen haben. Ihre Kinder und Enkel hingegen wurden Jahrzehnte später aus eben dieser Heimat gerissen.
Der Friedhof ist kein touristischer Ort. Er ist ein Ort der Erinnerung.
Auf der Suche nach den letzten Spuren
Gemeinsam mit meinem georgischen Guide Giorgi versuchte ich anschließend, Menschen zu finden, die noch etwas über die ehemaligen deutschen Bewohner erzählen konnten.
Wir fragten im Dorf nach. Zunächst ohne Erfolg.
Also beschlossen wir, eine Pause einzulegen und kehrten in das Café Elisabethtal ein.
Es war eine dieser Entscheidungen, die eine Reise verändern können. Die Besitzerin hörte sich unsere Geschichte aufmerksam an. Sie verstand sofort, weshalb ich nach Assureti gekommen war. Ohne lange zu überlegen, griff sie zum Telefon und rief eine Familie an, die heute in einem Haus lebt, das einst Deutschen gehörte.
Kurze Zeit später waren wir dort eingeladen.
Ein Haus voller Erinnerungen
Familie Inasaridze empfing uns mit einer Herzlichkeit, die ich nicht vergessen werde.
Es war kein Besuch bei Fremden. Es fühlte sich an wie ein Besuch bei Freunden.
Wie wir erfuhren, gehörte das Haus einst Paulina und Fritz Schott. Fritz Schott soll einer jener Deutschen gewesen, die sich der Zwangskollektivierung durch das Stalin-Regime widersetzten. Der Überlieferung gehörte er zu einer Gruppe von 21 Bewohnern Elisabethtals, die deshalb verfolgt und ermordet wurden. Sein Tod ereignete sich noch vor den großen Deportationen von 1941 und zeigt, dass die Repressionen gegen Teile der deutschen Bevölkerung bereits früher begonnen hatten.
Die Familie Inasaridze bewahrt bis heute zahlreiche Gegenstände auf, die damals zurückgelassen werden mussten. Ich durfte sie sehen. Es waren keine Museumsstücke. Es waren Alltagsgegenstände. Gerade deshalb waren sie so berührend. Sie erzählten vom Leben einer Familie, die glaubte, hier alt werden zu dürfen.
Ein Klavier aus Hamburg und eine kleine Katze
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Nino, die Tochter der Familie. Sie hat in Deutschland studiert und spricht ausgezeichnet Deutsch. Schnell entwickelte sich ein intensives Gespräch über Geschichte, Erinnerung und Verantwortung.
Noch heute stehen wir miteinander in Kontakt.
Einige Tage nach meinem Besuch schickte sie mir einen kleinen Film. Darauf läuft ein Kätzchen neugierig über die Tasten ihres alten Klaviers.
Auf dem Instrument steht noch immer die Inschrift: H. Kohl, Hamburg.
Dieser kurze Moment hat mich mehr bewegt als viele große Denkmäler. Ein deutsches Klavier. Ein georgisches Zuhause. Eine kleine Katze. Und dazwischen über 180 Jahre gemeinsamer Geschichte.
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Wein verbindet Menschen
Bevor wir gingen, führte uns die Familie noch in ihren Weinkeller. Natürlich gab es eine kleine Weinprobe.
Georgischer Wein ist weit mehr als ein Getränk. Er gehört zur Kultur des Landes und zur Gastfreundschaft seiner Menschen.
Wir sprachen über Deutschland, Georgien, Familiengeschichte und Zukunft.
Irgendwann war es Zeit, Abschied zu nehmen.
Es war einer dieser Abschiede, die sich nicht endgültig anfühlen. Ich hoffe sehr, dass wir uns eines Tages wiedersehen.
Geschichte lebt durch Menschen
Assureti ist kein Freilichtmuseum. Es ist ein lebendiges Dorf. Gerade deshalb beeindruckt es so sehr. Geschichte begegnet einem hier nicht hinter Glasscheiben, sondern in Häusern, auf Friedhöfen und vor allem in den Menschen, die sich erinnern und Erinnerungen bewahren.
Familie Inasaridze hätte all diese Gegenstände entsorgen können. Hat sie aber nicht. Sie versteht ihren Wert. Nicht als Besitz. Sondern als Teil einer gemeinsamen Geschichte.
Meine Gedanken
Im vergangenen Jahr war ich bereits in Kirgisistan unterwegs und besuchte dort ebenfalls Orte, die einst von Deutschen besiedelt wurden. Doch die Geschichten unterscheiden sich.
Dort ging es vor allem um Aufbau, Integration und das Leben der Russlanddeutschen in Zentralasien.
In Assureti hingegen stand ich an dem Ort, an dem alles endete. Hier begann keine neue Geschichte. Hier wurde eine beendet. Vielleicht hat mich dieser Ort deshalb so tief berührt.
Zwischen den Grabsteinen, den alten Häusern und den Gesprächen mit den Menschen wurde Geschichte plötzlich greifbar. Sie bestand nicht mehr aus Jahreszahlen oder politischen Entscheidungen. Sie hatte Gesichter. Namen. Familien.
Und ein kleines Kätzchen, das über die Tasten eines Klaviers aus Hamburg läuft.
Manchmal braucht es genau solche Momente, um zu verstehen, dass Geschichte nie wirklich vergangen ist. Sie lebt weiter. In Orten wie Assureti. Und in den Menschen, die sie nicht vergessen.







