Zsolt Vadász: Der Mann, der mit einem Trabant die Welt bereist – und dabei eine ganz eigene Philosophie lebt
Eine Begegnung, die man nicht planen kann
Es gibt diese Momente auf Reisen, in denen man instinktiv stehen bleibt.Vor vier Wochen besichtigte ich das georgische Höhlenkloster Vardzia. Zwischen Reisebussen, Geländewagen und Motorrädern stand plötzlich ein hellblauer Trabant. Auf seinem Dach stapelten sich Kisten und Gepäck, an der Seite erzählten Aufkleber von tausenden Kilometern auf den Straßen Europas, Afrikas und Asiens. Direkt daneben saß ein Mann mit breitkrempigem Hut ganz entspannt in einem Faltsessel. Die Fahrertür stand offen, als hätte er hier für einen Moment sein Wohnzimmer eingerichtet. Kein hektisches Treiben, keine Eile – nur die Ruhe eines Menschen, der offenbar genau dort angekommen war, wo er gerade sein wollte.
Dieses Bild hatte etwas Faszinierendes. Es wirkte gleichzeitig völlig selbstverständlich und vollkommen surreal. Ein Trabant mitten in Georgien ist schon ungewöhnlich genug. Doch der Mann daneben strahlte eine Gelassenheit aus, die mich sofort neugierig machte.
Natürlich blieb ich stehen. Nicht nur wegen des Autos. Ein Trabant weckt bei mir Erinnerungen an meine Kindheit. Mein Großvater fuhr einen Trabant, und wie für viele Menschen aus Ostdeutschland ist dieses Auto für mich weit mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es ist ein Stück Vergangenheit.
Der Mann im Campingstuhl stellte sich als Zsolt Vadász aus Ungarn vor. Von ihm hatte ich bis dahin noch nie gehört. Wir unterhielten uns, machten einige gemeinsame Fotos und tauschten unsere Kontaktdaten aus. Erst später begann ich zu recherchieren – und stellte schnell fest, dass ich gerade einem der bekanntesten Trabant-Weltenbummler Europas begegnet war.
Mit seiner Trabant Expedition bereist Vadász seit vielen Jahren Europa, Afrika und Asien. Er erreichte den Polarkreis, nahm mehrfach an der legendären Budapest-Bamako-Rallye teil und fuhr durch Regionen, in denen man einen Trabant wohl am allerwenigsten erwarten würde. Gemeinsam mit seinem Team sammelt er Müll, bringt Hilfsgüter in entlegene Gegenden und setzt sich für einen bewussteren Umgang mit unserer Umwelt ein. Sein liebevoll „Millennium Falcon“ genannter Trabant ist dabei längst mehr als ein Auto – er ist zum Symbol seiner Philosophie geworden.
Je mehr ich über ihn las, desto klarer wurde mir, dass hinter dieser Geschichte weit mehr steckt als die eines ungewöhnlichen Fahrzeugs. Deshalb bat ich ihn einige Wochen später um ein ausführliches Gespräch.
Was daraus entstand, war kein Interview über Autos oder Fernreisen. Es war ein Gespräch über Freiheit, Besitz, Verantwortung und darüber, warum manche Menschen ihren Kindheitstraum nie aufgeben.
Kindheitsträume sind dazu da, gelebt zu werden
Auf die Frage, wie ihn seine Familie beschreiben würde, musste Zsolt nicht lange überlegen. Sie würden sagen, erzählt er, dass er seine Kindheitsträume nie vergessen habe, sondern sie lebe. Dieser Satz erklärt vielleicht besser als jede Aufzählung seiner Expeditionen, wer dieser Mann ist.
Seit Jahren führt ihn die Trabant Expedition durch Europa, Afrika und Asien. Er erreichte den Polarkreis, nahm mehrfach an der legendären Budapest-Bamako-Rallye teil und durchquerte Regionen, in denen ein Trabant kaum jemand erwarten würde. Gemeinsam mit seinem Team bringt er Hilfsgüter in abgelegene Gebiete, sammelt Müll entlang seiner Reiserouten und möchte zeigen, dass nachhaltiges Reisen nicht von Hubraum oder Fahrzeuggröße abhängt.
Doch je länger wir miteinander sprechen, desto klarer wird: Der Trabant ist für ihn nicht der Held der Geschichte.
Freiheit beginnt im Kopf
Viele Menschen reisen, weil sie Freiheit suchen. Zsolt sieht das anders.
„Ich bin nicht frei“, sagt er. „Meine Leine ist nur länger.“ Ein Satz, über den ich immer noch nachdenke.
Für ihn bedeutet Freiheit offenbar nicht Grenzenlosigkeit. Jeder Mensch ist an etwas gebunden – an Verantwortung, Entscheidungen oder Beziehungen. Reisen verlängert diese Leine lediglich. Deshalb empfindet er seine Expeditionen auch nicht als Flucht.
„Reisen bedeutet für mich Selbstverwirklichung“, sagt er schlicht.
Diese Nüchternheit zieht sich durch das gesamte Gespräch. Keine romantische Verklärung, keine großen Gesten. Stattdessen eine bemerkenswerte Klarheit darüber, warum er unterwegs ist.
Besitz macht unbeweglich
Besonders eindrucksvoll fand ich seine Gedanken über Eigentum.
Zsolt beruft sich auf den amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau und dessen berühmtes Werk Walden. Thoreau schrieb, dass am Ende nicht der Mensch seinen Besitz besitzt, sondern der Besitz den Menschen.
Für Zsolt blieb das keine theoretische Erkenntnis.
Er verkaufte sein Haus und sein Grundstück in Ungarn. Heute lebt er zur Miete.
Nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, sondern aus Überzeugung. Sein Zuhause ist längst kein Ort mehr. Es ist die Möglichkeit, jederzeit aufzubrechen.
Unterwegs vermisst er nichts. Minimalismus ist für ihn weder Modewort noch Lifestyle, sondern gelebter Alltag. Improvisation gehört genauso dazu wie die Gewissheit, dass materieller Besitz nicht über Lebensqualität entscheidet.
Der Trabant als Gegenentwurf zur Konsumgesellschaft
Natürlich fragte ich ihn auch nach dem Trabant.
Ob dieses Auto inzwischen nicht längst Teil seiner Identität geworden sei. Er widerspricht. Der Trabant sei für ihn vor allem ein Werkzeug. Ein Symbol dafür, dass Abenteuer nicht zwangsläufig mit tonnenschweren SUVs, luxuriöser Ausrüstung oder immer größerem Ressourcenverbrauch verbunden sein müssen.
Gerade in einer Zeit, in der Fernreisen häufig mit Komfort gleichgesetzt werden, wirkt diese Haltung fast provokant.
Sollte einer seiner Trabanten einmal endgültig ausfallen, wäre das für ihn kein Drama. Dann nimmt er eben den nächsten. Acht Trabanten besitzt er inzwischen. Nicht aus Sammelleidenschaft, sondern weil sie Teil eines Projektes geworden sind, das weit über das Autofahren hinausgeht.
Angst scheint kein Begleiter zu sein
Zsolt reist bewusst durch Regionen, in denen Kriege, politische Spannungen oder Epidemien viele Menschen abschrecken würden. Ob er Angst habe? Er verneint. Risiken gehe er durchaus ein, aber immer in einem vernünftigen Rahmen.
Auch seine Definition von Scheitern unterscheidet sich von der vieler anderer Menschen. Für ihn gibt es kein Scheitern im klassischen Sinn. Entweder man macht weiter. Oder man entscheidet sich bewusst, dass das Erreichte genügt. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis seiner Gelassenheit.
Bücher haben ihn stärker geprägt als Menschen
Überrascht hat mich auch seine Antwort auf die Frage, welche Begegnung sein Leben verändert habe. Er nannte keinen Menschen. Stattdessen sprach er über Bücher. Jack Kerouac, Nikos Kazantzakis, Jack London, Ken Kesey und Panait Istrati hätten seine Sicht auf die Welt nachhaltig geprägt. Es sind Autoren, die vom Unterwegssein, von Freiheit, vom Aufbruch und vom Leben jenseits gesellschaftlicher Konventionen erzählen.
Wer Zsolt zuhört, erkennt ihre Spuren.
Die Welt verändern? Nein.
Heute begründen viele Abenteurer ihre Reisen mit dem Wunsch, die Welt zu verändern. Zsolt formuliert es anders. Er glaubt nicht, dass seine Expeditionen die Welt retten. Er sammelt Müll. Er unterstützt Hilfsprojekte. Er reist möglichst ressourcenschonend. Aber er macht sich keine Illusionen über die Wirkung seines Handelns. Gerade diese Ehrlichkeit macht ihn glaubwürdig.
Er handelt nicht, weil er glaubt, dadurch berühmt zu werden. Er handelt, weil er überzeugt ist, dass man das Richtige tun sollte – auch wenn die Welt dadurch nicht sofort besser wird.
Dort bleiben, wo die Reise endet
Zum Ende unseres Gesprächs stelle ich ihm eine Frage, die viele Menschen ins Grübeln bringt. Was soll einmal auf seinem Grabstein stehen? Seine Antwort passt zu allem, was ich bis dahin über ihn erfahren habe. Er möchte keinen Grabstein. Er möchte dort bleiben, wo seine Reise endet.
Noch persönlicher wird es, als ich ihn frage, welche drei Dinge er auf seine letzte Reise mitnehmen würde. Er lächelt nur. Nicht Gegenstände seien entscheidend. Nicht einmal der Trabant. Für jemanden, der sein Leben dem Reisen gewidmet hat, ist das vielleicht die konsequenteste Antwort überhaupt.
Mehr als ein Trabant
Als ich den Trabant in Vardzia entdeckte, glaubte ich, eine ungewöhnliche Geschichte über ein ungewöhnliches Auto gefunden zu haben. Tatsächlich begegnete ich einem Menschen, der mit bemerkenswerter Konsequenz nach seinen eigenen Überzeugungen lebt. Der Trabant ist dabei nur das sichtbarste Symbol. Die eigentliche Reise findet im Kopf statt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich diese Begegnung bis heute beschäftigt.
Denn am Ende geht es nicht um einen kleinen Zweitakter aus Zwickau. Es geht um die Frage, wie viel wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein. Um Freiheit, die nicht von Besitz abhängt. Und um den Mut, den eigenen Kindheitstraum nicht irgendwann gegen Vernunft, Bequemlichkeit oder gesellschaftliche Erwartungen einzutauschen.
Als ich Vardzia an diesem Tag verließ, blieb der hellblaue Trabant zurück. Und der Mann im Faltsessel saß noch immer gelassen neben seinem Auto, als hätte er alle Zeit der Welt.
Vielleicht hatte er sie tatsächlich. Denn wer das Reisen nicht als Flucht, sondern als Lebensform versteht, ist vermutlich nie wirklich unterwegs – sondern immer genau dort, wo er sein möchte.







