Leica – Ein Jahrhundert in Bildern

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Filmplakat

Inhalt

Hinter der Kamera beginnt die Geschichte

„Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“: Reiner Holzemer begegnet Fotografen, deren Bilder unseren Blick auf die Welt geprägt haben
Was macht ein Foto zu einem Bild, das bleibt? Ist es der richtige Augenblick, das Licht, die Komposition? Oder ist es vor allem die Haltung des Menschen hinter der Kamera? Diesen Fragen geht der Dokumentarfilm „Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“ von Reiner Holzemer nach. Zur Premiere in der Leica Welt in Wetzlar kamen zahlreiche Gäste zusammen, darunter viele Fotografinnen und Fotografen. Das Interesse war groß – und die Anreise mancher Gäste offenbar weit. Für mich als Wetzlarerin ist es ein schönes Privileg, solche Filmabende praktisch vor der eigenen Haustür erleben zu können.

Ein Jahrhundert Fotografie – und die Menschen dahinter

1925 kam die Leica I auf den Markt. Die kompakte Kleinbildkamera machte es möglich, eine Kamera vergleichsweise unkompliziert überallhin mitzunehmen. Fotografieren wurde mobiler, spontaner und unmittelbarer. Die Entwicklung prägte Street Photography, Reportage und Fotojournalismus nachhaltig.
Hundert Jahre später nimmt Regisseur Reiner Holzemer dieses Jubiläum zum Anlass, nicht nur auf die Technikgeschichte zu schauen. Ihn interessiert vor allem, wer hinter der Kamera steht. In seinem Film begegnen wir bekannten Fotografen und Fotografinnen, sehen Ausschnitte aus ihren Arbeiten und begleiten einige von ihnen bei ihrer Arbeit. Das Presseheft führt 21 Persönlichkeiten aus Fotografie, Kunst und Gestaltung auf. Nicht alle sind Fotografen – gerade diese unterschiedlichen Perspektiven erweitern den Blick auf das Medium.
Holzemer, der seit 1983 als Dokumentarfilmer arbeitet, erzählte bei der Premiere von der aufwendigen Auswahl. Ein berühmter Name oder ein herausragendes Bild allein reichten ihm nicht. Entscheidend sei auch gewesen, ob die Persönlichkeit hinter der Arbeit etwas zu erzählen habe. Der Film folgt zwei Erzählsträngen: Er stellt bekannte fotografische Arbeiten vor und zeigt zugleich, wie Bilder entstehen.

Der entscheidende Augenblick und der Blick für das Ganze

Bei Alex Webb geht es um den fotografischen Instinkt, um das Gespür für den entscheidenden Moment und um die Fähigkeit, mehrere Ebenen in einem Bild zusammenzuführen. Seine Fotografien wirken oft wie sorgfältig komponierte Bühnen, in denen sich vieles gleichzeitig ereignet. Man muss länger hinschauen, um alle Geschichten zu entdecken.
Auch Steve McCurry steht für diesen besonderen Blick auf den Augenblick. Seine Bilder haben sich tief in das kollektive Bildgedächtnis eingeprägt. Mich beschäftigt beim Fotografieren immer wieder die Frage, wie man diesen Instinkt entwickelt: nicht nur ein Motiv zu sehen, sondern auch zu erkennen, wann sich eine Situation zu einem Bild verdichtet.
Der Film zeigt sehr unterschiedliche fotografische Handschriften. Er macht deutlich, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, die Welt mit einer Kamera festzuhalten. Was die Porträtierten verbindet, ist die intensive Auseinandersetzung mit ihren Motiven und die Bereitschaft, genau hinzusehen.

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Dominic-Nahr_Leica-Ein-Jahrhundert-in-Bildern_© Reiner-Holzemer-Film

Wenn Fotografie Zeugnis ablegt

Besonders eindringlich sind die Passagen über die Kriegsfotografie. Der Schweizer Fotograf Dominic Nahr berichtet seit Jahren aus Krisen- und Kriegsgebieten, unter anderem aus der Ukraine. Die Filmaufnahmen führen ihn in die Nähe der Front und zeigen, unter welchen schwierigen Bedingungen solche Bilder entstehen.
Ich habe früher selbst einmal davon geträumt, Kriegsfotografin zu werden. Nicht aus Abenteuerlust, sondern aus dem Wunsch heraus, sichtbar zu machen, was Krieg tatsächlich bedeutet – und warum alles getan werden muss, um ihn zu verhindern. Der Film „Under Fire“ mit Nick Nolte hat diesen Gedanken damals verstärkt. Heute weiß ich, wie viel mehr dazugehört als Mut und eine Kamera: Verantwortung, Erfahrung, Menschenkenntnis und die Fähigkeit, auch in Extremsituationen Entscheidungen zu treffen.
Auch Gabriele Micalizzi steht für diese Form der Fotografie. Seine Leica-Kamera rettete ihm in Syrien bei einem Granateneinschlag das Leben. Eine Geschichte, die fast unglaublich klingt und zeigt, wie nah Fotografen in solchen Situationen dem Geschehen kommen.
Eine andere Form gesellschaftlicher Dokumentation zeigt Misan Harriman. Seine Bilder von Protestbewegungen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen machen sichtbar, wie Fotografie Menschen und ihre Anliegen in den öffentlichen Blick rücken kann.

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Sebastiao-Salgado_Leica-Ein-Jahrhundert-in-Bildern_© Reiner-Holzemer-Film

Sebastião Salgado: Bilder, die bleiben

Eine besondere Bedeutung hat für mich die Begegnung mit Sebastião Salgado im Film. Seine Arbeiten begleiten mich schon lange. 2019 war ich zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an ihn in die Frankfurter Paulskirche eingeladen. Später habe ich im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln seine Ausstellung „AMAZÔNIA“ besucht. Seine Fotografien erzählen von Arbeit, Migration, menschlicher Würde und der Verletzlichkeit unserer Welt. Sie sind von großer ästhetischer Kraft, ohne die Menschen, die sie zeigen, zu bloßen Motiven zu machen.
Im Film spricht Salgado über seine Arbeit und seine Sicht auf die Fotografie. Dass er kurz nach dem Interview starb, verleiht dieser Passage einen besonderen Nachhall. Man sieht nicht einfach einen großen Fotografen bei der Arbeit, sondern erlebt noch einmal seine Präsenz und seine Gedanken. Erst vor wenigen Tagen ist mir auf einem Flohmarkt sein Buch „Arbeiter“ in die Hände gefallen. Ein schöner Zufall – und eine Erinnerung daran, wie lange gute Bilder weiterwirken können.

Nähe, Vertrauen und ein genauer Blick

Auch Jane Evelyn Atwood gehört zu den eindrucksvollen Persönlichkeiten des Films. Ihre langjährigen fotografischen Projekte führen in Lebenswelten, die häufig übersehen oder ausgegrenzt werden. Sie hat Frauen in der Prostitution und in Gefängnissen porträtiert. Solche Arbeiten entstehen nicht nebenbei. Sie verlangen Zeit, Vertrauen und die Bereitschaft, sich auf Menschen einzulassen, ohne sie auf ihre Lebensumstände zu reduzieren.
Atwoods Arbeit zeigt, dass dokumentarische Fotografie mehr sein kann als das Festhalten eines Moments. Sie kann Nähe herstellen, Erfahrungen sichtbar machen und Geschichten erzählen, für die es sonst kaum Bilder gäbe.

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Jane-Evelyn-Atwood_Leica-Ein-Jahrhundert-in-Bildern_© ReinerHolzemer-Film

Eine Frage der Perspektive

Eine Beobachtung lässt sich bei aller Begeisterung für die fotografische Vielfalt nicht übergehen: Unter den 21 im Presseheft aufgeführten Persönlichkeiten sind mit Jane Evelyn Atwood, Barbara Klemm und Sarah M. Lee nur drei Fotografinnen vertreten. Dabei gehören Frauen selbstverständlich zur Geschichte der Fotografie. Im Pressegespräch wurde dieser Umstand auch thematisiert.
Holzemer verwies darauf, dass die Fotografie historisch lange männlich geprägt gewesen sei. Einige bedeutende Fotografinnen seien bereits verstorben oder hätten nicht mehr vor der Kamera stehen wollen. Bei jüngeren Fotografinnen hätten sich geplante Dreharbeiten teilweise nicht realisieren lassen, weil deren Projekte sehr persönliche Arbeitsprozesse betrafen. Im Film wird zudem an Fotografinnen wie Ilse Bing, Martine Franck, Mary Ellen Mark, Inge Morath, Eve Arnold und Nan Goldin erinnert.
Das erklärt einen Teil der Auswahl, beseitigt das Ungleichgewicht aber nicht. Es bleibt ein Punkt, über den sich weiter nachdenken lässt – gerade bei einem Film, der ein ganzes Jahrhundert Fotografie in den Blick nimmt.

Ein Stück große weite Welt in Wetzlar

Die Premiere fand in der Leica Welt statt, einem Ort, der für Wetzlar inzwischen weit mehr ist als ein Unternehmenssitz. Der architektonisch beeindruckende Hauptsitz, Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen bringen einen Hauch der großen weiten Welt in die mittelhessische Kleinstadt. Als Wetzlarerin bin ich immer wieder bei Leica zu Gast und habe dabei viele interessante Menschen kennengelernt. Diese besondere fotografische Gemeinschaft hat ihre eigenen Rituale und Erkennungszeichen. Manchmal gehört dazu auch ein rotes Kameraband, das beinahe so etwas wie ein Zugehörigkeitssignal ist. Ich beobachte das mit Sympathie – und gelegentlich mit einem kleinen Schmunzeln.
Denn natürlich ist Leica mehr als eine Kamera. Für manche ist es ein Werkzeug, für andere eine Leidenschaft, für viele auch ein Stück Identität. Ich selbst fotografiere mit Nikon. Das ist allerdings kein Grund für einen Glaubenskrieg. Eine Kamera kann Möglichkeiten eröffnen, aber sie nimmt einem weder das Sehen noch das Denken ab.

Foto Pia zum Leica Film

Was bleibt?

„Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“ ist kein reiner Technikfilm und auch keine bloße Parade berühmter Namen. Seine Stärke liegt in den Begegnungen mit den Menschen hinter den Bildern und in der Vielfalt ihrer fotografischen Ansätze. Nicht jede Passage wird jeden Zuschauer gleichermaßen berühren. Aber der Film erinnert daran, dass Fotografie immer auch eine Entscheidung ist: Was halte ich fest? Was lasse ich außerhalb des Bildes? Und wie gehe ich mit den Menschen um, die ich fotografiere?
In einer Zeit, in der Bilder in Sekundenschnelle entstehen, verändert und verbreitet werden können, ist diese Frage besonders wichtig. Reiner Holzemer lenkt den Blick auf die Verantwortung der Fotografierenden und auf ihren Anspruch, Wirklichkeit nicht beliebig zu formen.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieses Filmabends: Nicht die Kamera macht ein Bild bedeutend. Es ist der Blick dahinter – und die Haltung des Menschen, der ihn lenkt.

„Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“ ist ein Film von Reiner Holzemer. Der 92-minütige Dokumentarfilm startet am 12. November 2026 im Kino.

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