Vollmond über Fedderwardersiel: Mit Annegret Martens durch die Nacht
Eine Vollmondführung in Fedderwardersiel ist mehr als ein Spaziergang am Hafen. Sie führt mitten hinein in die Geschichten, Naturphänomene und maritime Vergangenheit Butjadingens. Mit Annegret Martens wird aus einem Abend am Wattenmeer eine Reise durch Gezeiten, Vogelzug, Fischerei und alte Überlieferungen.
Wenn der Hafen langsam ins Abendlicht taucht
Am Anfang ist es noch hell. Genau genommen sogar fotografisch ziemlich perfekt. Im Hafen von Fedderwardersiel liegen die Krabbenkutter im Wasser, Pfähle zeichnen sich gegen den Himmel ab und auf der Oberfläche entstehen die ersten Spiegelungen. Noch ist der Tag nicht verschwunden, aber man ahnt schon, dass dieser Abend eine andere Richtung nehmen wird.
Ich bin im Rahmen meiner Pressereise durch Butjadingen zu einer Vollmondführung mit Annegret Martens gekommen. Und bevor überhaupt jemand über Mond, Gezeiten oder alte Geschichten spricht, habe ich erst einmal die Kamera in der Hand. Fedderwardersiel ist schließlich ein Hafen, der seine Motive nicht gerade versteckt.
Heute ist der Ort ein kleiner Fischereihafen mit großer Geschichte. Der Hafen wurde ursprünglich als Handelshafen angelegt. Butter, Getreide und andere Waren wurden hier verschifft, zeitweise liefen große Handelsschiffe ein und aus. Später gewann die Fischerei zunehmend an Bedeutung. Heute bringen noch vier Krabbenkutter Nordseegarnelen und Fisch nach Fedderwardersiel.
Der Hafen ist damit keineswegs nur hübsche Kulisse für Urlauber. Er erzählt von einer Zeit, in der die Küste viel stärker vom Warenverkehr und von der Fischerei geprägt war. Und er erzählt noch heute davon.
Annegret Martens kennt Butjadingen nicht nur aus Büchern
Annegret Martens ist eine dieser Menschen, bei denen man ziemlich schnell merkt, dass Wissen und Begeisterung zwei verschiedene Dinge sind, die aber idealerweise zusammengehören.
Martens ist in Butjadingen tief verwurzelt, arbeitet als Gästeführerin und Märchenerzählerin und engagiert sich seit Jahrzehnten für die Vermittlung von Geschichte, Kultur und Natur ihrer Heimat. Sie war über viele Jahre eine prägende Kraft im Nationalpark-Haus Museum Fedderwardersiel. Für ihr Engagement wurde sie unter anderem mit der Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens ausgezeichnet. Im September 2026 erhielt sie zudem die „Goldene Krabbe“ der Gemeinde Butjadingen für ihre herausragenden Verdienste in der Heimatpflege.
Das merkt man ihrer Führung an. Sie referiert nicht einfach Fakten. Sie verbindet sie miteinander. Der Mond führt zu den Gezeiten, die Gezeiten führen ins Watt, das Watt zu seinen Bewohnern, die Vögel zu ihren langen Reisen und die alten Geschichten schließlich wieder zurück zu den Menschen, die hier leben.
Genau das macht den Abend interessant.
Warum der Mond das Wattenmeer bestimmt
Eine Vollmondführung wäre natürlich keine Vollmondführung, wenn es nicht um Ebbe und Flut ginge. Und plötzlich bekommt ein physikalisches Phänomen, das man irgendwann einmal im Schulunterricht gehört hat, eine ganz andere Bedeutung.
Die Gezeiten entstehen vor allem durch die Gravitation des Mondes. Seine Anziehungskraft wirkt auf die Wassermassen der Erde. Dabei entstehen zwei Flutberge: einer auf der dem Mond zugewandten Seite und ein zweiter auf der gegenüberliegenden Seite. Dazwischen liegen die beiden Ebbebereiche. Durch die Erdrotation bewegen sich die Küstenbereiche unter diesen Flutbergen hindurch. Im Wattenmeer erleben wir deshalb normalerweise zweimal Hochwasser und zweimal Niedrigwasser innerhalb eines Tages. Zwischen zwei Hochwassern liegen im Durchschnitt etwa 12,5 Stunden.
Bei Vollmond kommt noch die Sonne ins Spiel. Sonne, Erde und Mond stehen dann annähernd auf einer Linie. Die Gezeitenkräfte von Sonne und Mond verstärken sich, die Flut fällt höher und die Ebbe niedriger aus. Dieses Phänomen wird als Springtide bezeichnet.
Im Watt ist das keine abstrakte Theorie. Man kann beobachten, wie eine Landschaft entsteht und wieder verschwindet. Wo am Abend noch Wasser steht, liegt wenige Stunden später Schlick. Priele verändern ihr Aussehen, Sandflächen tauchen auf, Vögel suchen nach Nahrung und die Grenze zwischen Land und Meer scheint ständig neu gezogen zu werden.
Brör Dirk und die Geschichten aus dem Watt
Annegret Martens erzählt aber nicht nur Naturkunde. Sie bringt auch die Geschichten der Region mit.
Eine davon handelt von Brör Dirk, dem Großen Brachvogel. Der Name „Brör Dirk“ ist als regionale beziehungsweise plattdeutsche Bezeichnung für den Vogel überliefert. Dazu gehört die Geschichte von einem Bruder, der im Schwarzen Moor versunken sein soll und von dem der Brachvogel bis heute gesucht wird.
Ob man eine solche Erzählung nun als Sage, Naturgeschichte oder poetische Erklärung einer Landschaft betrachtet, ist eigentlich zweitrangig. Interessant ist, dass solche Geschichten über Generationen weitergegeben wurden und bis heute Teil der kulturellen Landschaft Butjadingens sind.
Der Große Brachvogel selbst ist keineswegs nur eine Figur aus einer alten Geschichte. Er gehört zu den charakteristischen Watvögeln des Wattenmeers. Überhaupt ist das Wattenmeer für Vögel von enormer Bedeutung. Im Frühjahr und Herbst rasten dort etwa zehn Millionen Zugvögel und nutzen die nahrungsreichen Wattflächen, um ihre Energiereserven für die nächsten Etappen ihrer Reise aufzufüllen. Der Nationalpark bezeichnet das Wattenmeer deshalb als Drehscheibe des Ostatlantischen Vogelzuges.
Duckdalben, alte Seezeichen und die maritime Seite des Watts
Draußen im Watt stoßen wir auf weitere Spuren der maritimen Vergangenheit. Die sogenannten Duckdalben sind Pfahlkonstruktionen, an denen Schiffe festmachen konnten. Gerade in einem tideabhängigen Revier waren solche Einrichtungen wichtig, wenn ein Schiff nicht direkt in den Hafen einlaufen konnte.
Details, Spiegelungen im Wasser, Licht und Wolken interessieren mich als Fotografin besonders. Sie erzählen mehr als nur „Nordsee“. Ein einzelner Pfahl im Watt, ein alter Kutter, ein Leuchtturm am Horizont oder eine Spur im Schlick können Hinweise auf die Geschichte eines ganzen Ortes geben.
Zwischen Watt, Wilhelmshaven und Industrie
Und dann verändert sich die Perspektive noch einmal.
Wer über das Watt schaut, sieht nicht nur Natur. Am Horizont erscheinen die Kräne und die Industrieanlagen von Wilhelmshaven. Auch die Kraftwerke sind aus der Entfernung auszumachen.
Auf meinen Fotos treffen deshalb zwei scheinbar gegensätzliche Welten aufeinander: das weite, stille Watt auf der einen Seite und die Hafen- und Industrielandschaft auf der anderen.
Ich mag solche Kontraste. Sie erzählen mehr über einen Ort als eine sorgfältig komponierte Postkartenansicht, auf der alles hübsch und aufgeräumt wirkt. Butjadingen ist eben nicht nur Deich, Schafe, Strand und Krabbenkutter. Die Region liegt mitten in einem intensiv genutzten Küstenraum, in dem Naturschutz, Fischerei, Hafenwirtschaft, Tourismus und Industrie nebeneinander existieren.
Fedderwardersiel bei Vollmond
Als die Führung langsam zu Ende geht, ist aus dem noch hellen Hafen ein völlig anderer Ort geworden.
Der Mond steht über dem Wasser. Die Kutter liegen dunkel im Hafenbecken. Einzelne Lichter spiegeln sich auf der Oberfläche. Das Watt liegt weit und offen vor uns. Am Horizont zeichnen sich die Konturen der anderen Küste und die Industrieanlagen von Wilhelmshaven ab.
Und natürlich fotografiere ich.
Sehr viel.
Denn genau für solche Abende bin ich unterwegs. Nicht nur, um einen Ort abzuhaken, sondern um ihn in unterschiedlichen Lichtstimmungen zu erleben. Erst der Hafen im Abendlicht, dann die Weite des Watts, später der Mond über dem Wasser. Dazwischen Geschichten, Fakten und Begegnungen.
Eine gute Führung kann dabei den entscheidenden Unterschied machen. Nach zwei Stunden mit Annegret Martens sehe ich Fedderwardersiel nicht mehr nur als kleinen Hafen an der Nordsee. Ich sehe die Gezeiten, die den Ort bestimmen, die Vögel auf ihrer langen Reise, die Spuren der Fischerei und die Geschichten der Menschen, die hier leben.
Vielleicht ist genau das die schönste Form des Reisens: Man kommt an einen Ort und fährt mit einem anderen Blick wieder nach Hause.
Mein Tipp für Butjadingen
Wer nach Butjadingen kommt, sollte Fedderwardersiel nicht nur bei Tageslicht besuchen. Eine Führung mit Annegret Martens eröffnet eine zusätzliche Ebene. Sie verbindet Naturwissen mit regionaler Geschichte, erzählt von Menschen, Tieren und alten Überlieferungen und macht verständlich, warum das Wattenmeer weit mehr ist als eine Landschaft, die bei Ebbe zufällig trockenfällt.
Und wer fotografiert, sollte unbedingt etwas Zeit einplanen. Das Licht am Hafen verändert sich schnell. Erst spiegeln sich die letzten Farben des Tages im Wasser, später übernehmen Mond und künstliche Lichter die Bildgestaltung.
Mein persönlicher Höhepunkt dieser Pressereise war deshalb nicht nur der Vollmond.
Es war der Moment, in dem aus einem schönen Fotomotiv eine Geschichte wurde.







