Kunstpromenade Butjadingen: Skulpturen am Rand des Wattenmeeres
Ein Spaziergang zwischen Burhave und Fedderwardersiel
Kunst unter freiem Himmel. Das klingt zunächst nach einer schönen Idee, zumal wenn der Ausstellungsraum direkt an der Nordsee liegt. Zwischen Burhave und Fedderwardersiel verläuft die Kunstpromenade Butjadingen. Auf einer Strecke von rund drei Kilometern begegnen Spaziergängerinnen und Spaziergänger Skulpturen, die sich mit der Landschaft auseinandersetzen oder einfach ihre eigene Präsenz behaupten. Das Wattenmeer ist dabei stets in Sichtweite.
Sechs Künstlerinnen und Künstler haben hier 2007 innerhalb von vier Wochen ihre Arbeiten geschaffen. Das geschah im Rahmen eines Bildhauersymposiums unter der Leitung des Bildhauers und Hochschullehrers Bernd Altenstein. Holz, Stein, Metall und Marmor wurden bearbeitet und in unterschiedliche Formen gebracht. Die Idee: Kunst sollte nicht in einem Museum oder einer Galerie bleiben, sondern draußen ihren Platz finden, dort, wo Menschen ohnehin unterwegs sind.
Kunst am Wegesrand statt im Museum
Die Kunstpromenade ist kein klassischer Skulpturenpark mit festgelegtem Rundgang und kunsthistorischen Erläuterungen an jeder Station. Sie liegt unmittelbar am Küstenraum und verbindet einen Spaziergang mit der Begegnung mit zeitgenössischer Bildhauerei. Wer von Burhave Richtung Fedderwardersiel geht, kann die Arbeiten nebenbei entdecken, stehen bleiben, sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und sich anschließend wieder dem Meer zuwenden.
Das Konzept hat etwas Unkompliziertes. Niemand muss Eintritt bezahlen oder sich auf einen Museumsbesuch einstellen. Man kann die Kunst in den eigenen Spaziergang integrieren, mit dem Fahrrad vorbeikommen oder einfach dort verweilen, wo ein Werk die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Gerade für Menschen, die selten eine Galerie besuchen, kann das ein niedrigschwelliger Zugang zu Kunst sein.
Allerdings ist der Ausstellungsraum auch eine Herausforderung. Wind, Wetter, wechselndes Licht und die Weite der Küstenlandschaft bestimmen die Wahrnehmung mit. Bei Sonnenschein und ausreichend Zeit lässt sich der Weg angenehm mit einem Kunstspaziergang verbinden. Wer dagegen gezielt eine Ausstellung besuchen möchte, sollte seine Erwartungen etwas anders ausrichten. Hier gibt es keine konzentrierte Präsentation, bei der ein Werk auf das nächste folgt. Die Skulpturen stehen in einer Landschaft, die ihre eigene Wirkung entfaltet und mit den Arbeiten durchaus konkurriert.
Und wie bei Kunst üblich, wird nicht jedes Werk jeden gleichermaßen ansprechen. Das muss es auch nicht. Vielleicht ist gerade das eine Stärke des öffentlichen Ausstellungsraums: Man kann sich eine eigene Meinung bilden, ohne dafür erst ein Kunststudium absolvieren zu müssen.
Sechs Skulpturen, unterschiedliche Handschriften
Die Kunstpromenade vereint Arbeiten aus unterschiedlichen Materialien und mit sehr verschiedenen Ansätzen. Zu den Werken gehört „Die Mettje“ von Bärbel Deharde und Ute Extra. Die beiden Künstlerinnen haben gemeinsam eine Stahlskulptur geschaffen, die auf eine Sagengestalt Bezug nimmt. Mettje soll in Wasserflächen lauern und Kinder anlocken. Die Figur verbindet damit regionale Erzähltradition und Kunst im öffentlichen Raum.
Gisela Eufe ist mit ihrer Skulptur „Der Blick“ vertreten. Die über vier Meter hohe, blau gefasste menschliche Gestalt steht am Strand von Burhave. Die Farbe nimmt viele Details des Körpers zurück und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Haltung und die Geste des Herabblickens. Das Werk sucht ausdrücklich den Dialog mit den Betrachtenden. Es ist eine Arbeit, die man nicht nur aus der Entfernung wahrnimmt, sondern auch aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann.
Tobias Freude schuf die „Hölzerne Koralle“. Aus bearbeiteten Baumstämmen entwickelte er eine mehrteilige Form mit korallenartigen Auswüchsen. Das Werk greift damit ein Motiv aus der Unterwasserwelt auf, obwohl es aus einem ganz anderen Material besteht
„Blick über Horizonte“ von Amir Omerovic ist eine zweiteilige Steinskulptur. Der Titel passt zur offenen Landschaft am Wattenmeer und lenkt den Blick über das unmittelbare Objekt hinaus. Die Arbeit steht am Strand zwischen den Bereichen der Kiteschule und der Ferienanlage.
Eine weitere Skulptur war „Die Badende“ von Cornelia Brader. Die lebensgroße Frauenfigur aus Eiche musste jedoch entfernt werden, weil ihre Stand- und Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet war. Sie gehört damit zur Geschichte der Kunstpromenade, ist vor Ort aber nicht mehr zu sehen.
Dietrich Hellers „Großer Lauscher“ besteht aus Stein und Bronze. Aus der Nähe lässt sich ein plastischer Kopf erkennen, dessen Formen sich auf unterschiedliche Weise lesen lassen. Eine Seite wirkt abstrakt, auf der anderen entsteht die Assoziation eines Mannes im Ohr. Auch hier spielt die Veränderung der Wahrnehmung beim Näherkommen eine Rolle.
Mein Favorit: „Der Blick“ von Gisela Eufe
Ich habe mir die Kunstpromenade angesehen und dabei gemerkt, dass ich mit diesem besonderen Ausstellungsraum nicht ganz warm werde. Die Idee, Kunst an einen Ort zu bringen, an dem Menschen spazieren gehen, finde ich nachvollziehbar. Und natürlich ist es reizvoll, auf einem Weg am Meer plötzlich auf eine Skulptur zu treffen. Trotzdem fällt es mir nicht leicht, die Werke unabhängig von ihrer Umgebung zu betrachten. Die Landschaft ist weit, das Licht verändert sich, der Blick wandert immer wieder zum Wasser. Da muss eine Skulptur erst einmal bestehen.
Am besten gefallen hat mir „Der Blick“ von Gisela Eufe. Auf den Hochglanzprospekten hatte ich mir die Figur deutlich größer vorgestellt. In der Realität wirkt sie weniger monumental, als die Abbildungen vermuten lassen. Trotzdem konnte ich mit der kräftigen blauen Farbe und vor allem mit der Geste des Herabblickens etwas anfangen. Die Figur hat eine klare Präsenz, ohne dass ich ihre Aussage vollständig entschlüsseln müsste.
Das ist vielleicht auch ein guter Umgang mit Kunst: Man muss nicht jedes Werk erklären können und nicht jedes muss einem gefallen. Manchmal reicht es, wenn eine Arbeit einen Moment lang den Blick festhält und eine Frage hinterlässt.
Kunst als Teil eines Spaziergangs
Die Kunstpromenade ist kein Ziel, für das man unbedingt einen eigenen Tagesausflug planen muss. Sie lässt sich gut mit einem Spaziergang zwischen Burhave und Fedderwardersiel verbinden. Wer sich Zeit nimmt, kann die Skulpturen in Ruhe betrachten, den Blick über das Wattenmeer schweifen lassen und die unterschiedlichen Materialien und Formen auf sich wirken lassen.
Gerade darin liegt ein Vorteil des Konzepts: Kunst wird ohne große Schwelle zugänglich. Man muss keine Eintrittskarte kaufen, keine Öffnungszeiten beachten und keine bestimmte Reihenfolge einhalten. Man kann sich nähern, weitergehen oder auch einfach nur den Spaziergang genießen. Für Menschen, die sich sonst eher selten mit zeitgenössischer Bildhauerei beschäftigen, ist das ein durchaus guter Ansatz.
Die Kunstpromenade macht aus dem Küstenweg keine Galerie im klassischen Sinn. Sie setzt vielmehr einige künstlerische Akzente in eine Landschaft, die ohnehin ihre eigene Geschichte erzählt. Ob die Skulpturen dabei für jeden funktionieren, bleibt Geschmackssache. Dass sie zum Hinschauen und gelegentlich auch zum Nachdenken anregen, ist schon ein Gewinn.







