Moorseer Mühle

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Warum ich Windmühlen jetzt mit anderen Augen sehe

Ein Besuch im Mühlenmuseum in Butjadingen
Eine Windmühle ist ein schönes Fotomotiv. Die Flügel vor dem Himmel, das alte Mauerwerk, die Spuren der Zeit. Ich hatte schon einige Mühlen fotografiert und glaubte, im Großen und Ganzen zu wissen, was darin passiert: Das Korn kommt hinein, Mehl kommt heraus. Wie viel Wissen, körperliche Arbeit und technische Raffinesse dazwischenliegen, war mir allerdings nicht wirklich klar. Bis ich Stephan Neels traf, einen der ehrenamtlichen Müller der Moorseer Mühle bei Nordenham-Abbehausen.
Seine Führung hat meinen Blick auf Windmühlen verändert. Plötzlich ging es nicht mehr nur um ein hübsches Gebäude, sondern um ein komplexes technisches System, das Wind, Mechanik, Materialkenntnis und Erfahrung miteinander verbindet. Und um Menschen, die dieses Wissen bewahren, obwohl sie längst nicht mehr davon leben müssen.

Eine Mühle mit jahrhundertealter Geschichte

Der Moorseer Mühlenplatz blickt auf eine Geschichte zurück, die bis ins 17. Jahrhundert reicht. Eine Mühle in Moorsee ist erstmals 1675 urkundlich erwähnt. Die heutige Galerieholländerwindmühle entstand in ihrer Grundform 1854. Nach einem verheerenden Brand im September 1903 wurde sie 1904 wieder aufgebaut. Der hölzerne Aufbau erhielt damit weitgehend die Gestalt, die Besucher heute sehen können.
Die Mühle blieb noch lange ein Wirtschaftsbetrieb. Drei Generationen der Familie Reinken arbeiteten hier, bis Heinrich Reinken 1977 den Mahlbetrieb einstellte. Damit endete auch die Geschichte der letzten noch aktiven Windmühle im Landkreis Wesermarsch. Der Landkreis übernahm den Mühlenplatz und machte ihn zum Museum. Heute gehören neben der Mühle auch das ehemalige Müllerhaus, Stall- und Wirtschaftsgebäude sowie verschiedene Ausstellungsbereiche zum Ensemble.
Der Landkreis Wesermarsch ist Eigentümer des Geländes und der Sammlung. Der Rüstringer Heimatbund kümmert sich um die Museumsverwaltung und die Sammlungspflege. Dass die Mühle heute noch funktioniert und ihre Technik nicht bloß hinter Absperrungen zu betrachten ist, verdankt sie auch den Menschen, die sich ehrenamtlich um sie kümmern.

Mühle innen 1
Nostalgische Werkstatt mit antiker Nähmaschine

Müller wird man nicht nebenbei

Stephan Neels erzählte mir, dass auch ehrenamtliche Müller eine Ausbildung benötigen. Dafür gibt es einen Kurs, der über mehrere Monate läuft und mit einer Prüfung abschließt. Ein kleines Zertifikat für ein Hobby? Mitnichten. Wer eine historische Mühle in Betrieb nehmen will, muss verstehen, wie ihre Mechanik funktioniert, wie man sie wartet und welche Gefahren dabei entstehen können.
Schon die Flügel verlangen Aufmerksamkeit. Die Moorseer Mühle besitzt neben Segelflügeln auch Jalousieflügel. Letztere sehen auf den ersten Blick ein wenig aus wie große Fensterjalousien. Tatsächlich bestehen sie aus beweglichen Klappen, deren Öffnung sich verändern lässt. Je nachdem, wie viel Wind auf die Flügelfläche trifft, werden sie weiter geöffnet oder geschlossen. Ein ausgeklügelter Mechanismus mit Gestänge und Gewichten hilft dabei, die Drehzahl zu regulieren.
Das ist wichtig, denn die Mühle soll sich mit einer möglichst gleichmäßigen Geschwindigkeit drehen. Bei starkem Wind darf sie nicht unkontrolliert Fahrt aufnehmen. Die Flügel müssen rechtzeitig reguliert und die Mühle bei gefährlichen Bedingungen außer Betrieb genommen werden. Neels erklärte mir, wie schnell aus der Kraft des Windes ein Risiko werden kann. Nach dem Brand von 1903 wurde die Mühle innerhalb kurzer Zeit wieder aufgebaut. Die genaue Ursache dieses Brandes konnte ich allerdings nicht unabhängig bestätigen; deshalb wäre es unseriös, ihn eindeutig auf eine bestimmte Windstärke zurückzuführen.

Zwischen zwei Mahlsteinen wird aus Korn Mehl

Im Inneren der Mühle wurde es für mich endgültig kompliziert. Dabei ist das Grundprinzip schnell erklärt: Ein Mahlgang besteht aus zwei übereinanderliegenden Steinen. Der untere Stein, der Bodenstein, liegt fest. Darüber dreht sich der Läuferstein. Das Getreide gelangt durch eine Öffnung in der Mitte zwischen die beiden Steine und wird durch deren Bewegung zerkleinert. Rillen und unterschiedlich bearbeitete Flächen sorgen dafür, dass das Korn gebrochen, weitertransportiert und schließlich zu Mehl vermahlen wird.
Die beiden Steine müssen dafür exakt aufeinander abgestimmt sein. Sie dürfen nicht einfach glatt geschliffen sein, sondern brauchen eine sorgfältig bearbeitete Oberfläche. Mit der Zeit nutzen sich die Mahlflächen ab. Dann muss der Müller die Steine nachschärfen, fachsprachlich auch „schärfen“ oder „hauen“ genannt. Dazu wird der Läuferstein angehoben, damit die Arbeitsfläche zugänglich wird. Mit speziellen Hämmern werden die Rillen und Mahlflächen nachgearbeitet.
Dabei kam auch ein Kraushammer zur Sprache. Solche Werkzeuge dienten dazu, die Mahlflächen der Steine zu bearbeiten und wieder scharf zu machen. Das ist keine Arbeit, die sich mal eben nebenbei erledigen lässt: Der Stein muss angehoben und sicher bewegt werden, die Oberfläche wird Stück für Stück bearbeitet, und die Schärfe muss stimmen, damit der Mahlgang anschließend wieder richtig arbeitet.
Wie schwer diese Steine tatsächlich sind, wollte ich genauer wissen. Eine verlässliche Gewichtsangabe speziell für die Mahlsteine der Moorseer Mühle habe ich nicht gefunden. Vergleichbare historische Mahlsteine können jedoch rund 1,5 Tonnen auf die Waage bringen. Schon diese Größenordnung macht deutlich, dass es beim Anheben, Drehen und Bearbeiten um erhebliche Lasten geht. Ohne passende Vorrichtungen, Erfahrung und Vorsicht wäre das gefährlich.
Ein Satz, den ich mir bei der Führung notiert habe, bringt die Mühen des Müllerhandwerks auf den Punkt:
„Das Müllerleben hat der Gott gegeben, aber das Steineschärfen und Mahlen bei Nacht hat der Teufel erdacht.“

Kraushammer
Kraushammer (rechts)
Mühlenstein
Mühlenstein

Schwere Säcke, lange Nächte und Mehlstaub

Die Arbeit des Müllers bestand keineswegs nur darin, die Mühle in Gang zu setzen. Getreide musste angenommen, geprüft, gereinigt und verarbeitet werden. Säcke waren zu transportieren, Mehl musste abgefüllt und ausgeliefert werden. Die Maschinen wollten überwacht und gewartet werden, die Mahlsteine mussten regelmäßig nachgeschärft werden. Und weil der Wind den Arbeitsrhythmus bestimmte, konnte auch nachts gemahlen werden, wenn die Bedingungen günstig waren.
Das bedeutete körperliche Arbeit, lange Tage und einen Alltag, in dem die Aufmerksamkeit nie ganz nachlassen durfte. Bewegliche Maschinenteile, schwere Lasten und rotierende Flügel machten die Müllerei zu einem Beruf mit erheblichen Unfallrisiken. Hinzu kam der Staub, der beim Reinigen und Mahlen des Getreides entstand. Mehlstaub kann die Atemwege reizen und allergische Beschwerden oder berufsbedingtes Asthma auslösen. Die klassische Staublunge, die sogenannte Silikose, entsteht dagegen durch das Einatmen quarzhaltigen Staubs. Die Begriffe sollte man nicht verwechseln, aber die Belastung durch Staub war auch in einer Mühle ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko.
Nach der Führung verstand ich besser, warum das Müllerhandwerk Erfahrung, körperliche Kraft und technisches Wissen verlangte. Ich hatte vorher vor allem das romantische Bild der Windmühle im Kopf. Von Romantik bleibt wenig, wenn schwere Steine bewegt werden müssen, der Wind keine Rücksicht auf Feierabend nimmt und ein kleiner Fehler gefährliche Folgen haben kann.

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Mehlsack

Das Müllerhaus: Ein Blick in den Alltag

Zur Moorseer Mühle gehört mehr als die Windmühle selbst. Das ehemalige Wohnhaus der Müllerfamilie ist vermutlich rund 300 Jahre alt und eines der ältesten erhaltenen Gebäude auf dem Gelände. Im Inneren lässt sich nachvollziehen, wie die Menschen hier gelebt haben. Historische Möbel, Wandbemalungen und Stofftapeten geben den Räumen ihren Charakter. Die Einrichtung der letzten Müllerfamilie Reinken wurde wiederhergestellt und vermittelt einen Eindruck vom häuslichen Alltag.
Ich ertappte mich dabei, aus den Zimmern auf die Lebensverhältnisse der Müllerfamilie zu schließen. Das Haus wirkte auf mich keineswegs ärmlich. Und tatsächlich war die Müllerei früher häufig Teil eines größeren wirtschaftlichen Gefüges. In Moorsee kamen zur Mühle weitere Erwerbszweige hinzu, darunter Landwirtschaft und Viehzucht, eine Bäckerei und ein Fuhrunternehmen. Zeitweise gehörte auch eine Schankwirtschaft dazu. Die Familie war also nicht allein auf das Mahlen von Getreide angewiesen.
Das erklärt vielleicht, warum die Räume auf mich einen vergleichsweisen wohlhabenden Eindruck machten. Es wäre allerdings zu einfach, daraus abzuleiten, dass sich die schwere Arbeit grundsätzlich finanziell gelohnt habe. Die wirtschaftliche Situation hing von vielen Faktoren ab: von der Konkurrenz, den Ernten, den technischen Veränderungen und davon, welche zusätzlichen Geschäftszweige ein Betrieb aufbauen konnte.

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Zwischen Mühlenschafen und Wäscheleine

Nach all der Technik brauchte ich einen Moment, um mich wieder dem übrigen Gelände zuzuwenden. Die alten Stallgebäude beherbergen heute die Mühlenschafe. Die Tiere waren ausgesprochen flauschig und sahen bestens versorgt aus. Bei ihnen blieb ich gern ein bisschen länger stehen.
Besonders amüsiert haben mich die historischen Kleidungsstücke, die auf einer Leine zum Trocknen hingen. Darunter war auch Unterwäsche. So ein Detail bringt Geschichte manchmal näher als eine lange Erklärungstafel. Auf einmal geht es nicht mehr nur um Mühlen, Mahlgänge und Getreide, sondern um Menschen, die hier gelebt, gearbeitet, Wäsche gewaschen und ihren Alltag organisiert haben.
Auch das Außengelände ist schön gestaltet. Zwischen den historischen Gebäuden gibt es Platz, um innezuhalten. Ein Picknick hätte sich angeboten. Leider reichte die Zeit dafür nicht. Wer hätte gedacht, dass mich eine Mühle so lange beschäftigen würde?

Wäscheleine
Mühlenschaf

Warum sich ein Besuch der Moorseer Mühle lohnt

Das Museum Moorseer Mühle ist kein Ort, den man nur wegen eines fotogenen Windmühlenmotivs besuchen sollte. Die Mühle selbst ist das Herzstück, doch erst die Kombination aus funktionierender Technik, ehemaligem Müllerhaus, Wirtschaftsgebäuden und Ausstellungen macht den Besuch interessant. Im Haupthaus geht es um die Geschichte der Mühlenlandschaft Wesermarsch und die Entwicklung der Müllerei. Im ehemaligen Kornspeicher zeigt die Ausstellung „Moorsee – Mehr als Mehl und Mühle“, wie vielfältig der Betrieb einst aufgestellt war. Dazu kommen Vorführungen und Führungen, bei denen sich die historischen Arbeitsabläufe besser verstehen lassen.
Wer die Mühle in Bewegung erleben möchte, sollte sich vorab über die aktuellen Führungs- und Vorführtermine informieren. Ob sie tatsächlich mit Windkraft läuft, hängt von den Bedingungen ab. Auch die übrigen Gebäude und Ausstellungen verdienen Zeit. Ich würde beim nächsten Besuch jedenfalls nicht versuchen, alles in einem schnellen Rundgang abzuhaken.
Für mich war die Moorseer Mühle eine kleine Lektion in Sachen genauer hinsehen. Ich bin hingefahren, weil Windmühlen schöne Fotomotive sind. Ich bin gegangen mit mehr Respekt vor dem Wissen und der Arbeit, die hinter diesen Bauwerken stecken. Und mit dem Gefühl, dass ich beim nächsten Mal unbedingt noch Zeit für ein Picknick auf dem Gelände einplanen sollte.

Besuch planen

Das Museum Moorseer Mühle liegt an der Butjadinger Straße 132 in 26954 Nordenham-Abbehausen. Es bietet neben der Besichtigung der Mühle auch Ausstellungen, Führungen und saisonale Veranstaltungen an. Die Öffnungszeiten und das aktuelle Programm können sich je nach Jahreszeit ändern; deshalb lohnt sich vor der Anreise ein Blick auf die offizielle Website des Museums.

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