Germaine Krull in Wetzlar – Die große Wiederentdeckung einer fotografischen Avantgardistin
Ein Sommerabend voller Atmosphäre
An einem warmen Sommerabend verwandelte sich der Lottehof des Stadtmuseums Wetzlar in einen jener Orte, an denen Kultur plötzlich leicht wirkt. Keine stickigen Museumsräume, keine steife Vernissage-Atmosphäre, sondern Schattenplätze unter freiem Himmel, Jazzmusik, Gespräche und überraschend viele Menschen, die gekommen waren, um eine Frau wiederzuentdecken, deren Name heute viel zu selten fällt: Germaine Krull.
Die Ausstellung „Chien Fou“ im Stadtmuseum Wetzlar und im Wetzlarer Kunstverein widmet sich einer der bedeutendsten Protagonistinnen der fotografischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit dem Museum Folkwang entstand eine Ausstellung, die weit mehr zeigt als berühmte Fotografien. Sie erzählt von einem rastlosen Leben zwischen Revolution, Exil, Krieg, Kunst und permanenter Bewegung.
Eine klug inszenierte Vernissage
Schon die Organisation der Vernissage zeigte, wie sorgfältig dieser Abend geplant war. Die Eröffnung fand zunächst im Lottehof statt, begleitet vom Gentlemen Jazz Duo. Danach strömten die Besucher durch die Räume des Stadtmuseums, bevor eine weitere musikalische Einlage das Zeichen gab, gemeinsam durch die Wetzlarer Altstadt zum Kunstverein weiterzugehen. Dort warteten kalte Getränke, Fingerfood und neue Gespräche. Selten wurde eine Ausstellungseröffnung so intelligent und zugleich so entspannt inszeniert.
Wer war Germaine Krull?
Vor allem aber war es Germaine Krulls Geschichte selbst, die den Abend prägte. Vielen Besuchern dürfte erst hier bewusst geworden sein, welche Bedeutung diese Frau für die Fotografie des vergangenen Jahrhunderts besitzt.
Krull war Fotografin, Autorin, politische Beobachterin, Kriegsreporterin und Reisende zwischen Kontinenten und Kulturen. Sie fotografierte in Paris, Berlin und Südfrankreich, dokumentierte industrielle Strukturen in ihrer berühmten Serie „Métal“ und prägte damit das sogenannte „Neue Sehen“ der Fotografie nachhaltig. Ihre Bilder zeigten Brücken, Stahl, Maschinen und Architektur aus radikalen Perspektiven und veränderten den fotografischen Blick auf die Moderne.
Ein Leben zwischen Exil, Krieg und Kunst
Doch Krulls Leben erschöpfte sich nicht in der Kunstwelt der 1920er Jahre. Sie erlebte zwei Weltkriege, politische Verfolgung und Exil. 1941 floh sie über die Marseille-Martinique-Route. Auf den Schiffen befanden sich Künstler, Intellektuelle und jüdische Flüchtlinge, die Europa verlassen mussten. In Martinique wurde sie zunächst interniert, bevor sie weiter nach Brasilien gelangte.
Später arbeitete sie für die „France Libre“, berichtete als Kriegsfotografin aus Afrika und dokumentierte nach der Landung der Alliierten die Kämpfe im Elsass. Danach führte ihr Weg nach Asien, wo sie achtzehn Jahre lang das legendäre Oriental Hotel in Bangkok leitete. Trotz all dieser Brüche hörte sie nie auf zu fotografieren und zu schreiben.
Die Ausstellung zeigt erstmals die ganze Germaine Krull
Genau darin liegt die besondere Stärke dieser Ausstellung. Frühere Retrospektiven konzentrierten sich vor allem auf ihre Fotografien. In Wetzlar wird Krull nun erstmals ebenso deutlich als Autorin sichtbar.
Briefe, Reportagen, autobiografische Texte, Maquetten und publizistische Arbeiten eröffnen einen viel tieferen Zugang zu ihrer Persönlichkeit. Die Ausstellung macht sichtbar, wie eng Schreiben und Fotografieren in ihrem Werk miteinander verbunden waren. Gerade dadurch entsteht ein vollständigeres Bild einer Frau, die oft hinter ihren berühmten Fotografien verborgen blieb.
Der überraschende Bezug zu Wetzlar
Bemerkenswert ist auch der enge Bezug zu Wetzlar. Vermittelt durch ihre jüngere Schwester Berthe Krull kam Germaine Krull 1983 nach einem Schlaganfall nach Mittelhessen. Berthe Krull, eigentlich Margarethe Freimut Bertha Krull, war Tänzerin und Tanzpädagogin und lebte bereits seit 1946 in Wetzlar, wo sie jahrzehntelang eine eigene Tanzschule betrieb.
Über familiäre Kontakte kam Germaine Krull schließlich zur Familie Klose in die Bergstraße, wo sie bis zu ihrem Tod 1985 lebte. Zwischen der Familie und der Fotografin entstand in diesen letzten Lebensjahren ein enges persönliches Verhältnis.
Nach ihrem Tod blieb Germaine Krulls Nachlass zunächst in den Händen von Christel Klose, die testamentarisch mit der Verantwortung für das Vermächtnis der Fotografin betraut worden war. Aus dieser Aufgabe entstand später die Germaine-Krull-Stiftung, deren Stiftungsrat auch Martin Lüpkes angehörte. Seit 1995 befindet sich der Nachlass im Museum Folkwang in Essen.
Im Gespräch nach der Vernissage erzählte Martin Lüpkes, dass er Germaine Krull damals noch persönlich erlebt habe. Die historische Bedeutung dieser Frau sei ihm zu jener Zeit allerdings kaum bewusst gewesen. Umso bemerkenswerter erscheint heute die Verbindung zwischen einer international bedeutenden Avantgarde-Künstlerin und der Wetzlarer Altstadt.
Große Ausstellung auf kleinem Raum
Die Ausstellung selbst verteilt sich auf zwei Standorte und musste dafür stark verdichtet werden: Rund 900 Quadratmeter Ausstellungsfläche aus Essen wurden auf die deutlich kleineren Räume in Wetzlar angepasst. Zwei Wochen dauerte allein das Hängen der Werke. Dass diese enorme kuratorische Leistung kaum sichtbar wird, spricht letztlich für die Qualität der Ausstellung.
Eine Ausstellung, die man mehrfach besuchen sollte
Wer sich für Fotografie, Zeitgeschichte, Avantgarde oder starke Biografien interessiert, sollte diese Ausstellung unbedingt besuchen. Und vermutlich reicht ein einziger Besuch nicht aus. Zu viel gibt es zu lesen, zu entdecken und auf sich wirken zu lassen.







