Tskaltubo – Lost Places zwischen Glanz, Verfall und einem Hauch Gänsehaut
Wo die Zeit stehen geblieben ist
Es gibt Orte, die ziehen einen magisch an. Nicht, weil sie perfekt sind, sondern weil sie ihre Geschichte in jeder bröckelnden Wand, jeder rostigen Tür und jedem verlassenen Raum erzählen. Tskaltubo gehört für mich genau in diese Kategorie.
Schon lange bevor ich nach Georgien reiste, standen die verlassenen Sanatorien des ehemaligen Kurortes ganz oben auf meiner Liste. Als Fotografin faszinieren mich Lost Places seit Jahren. Sie sind Momentaufnahmen einer Vergangenheit, die langsam verschwindet. Der Zahn der Zeit verändert Gebäude auf eine Weise, die kein Architekt planen könnte. Verfall schafft seine ganz eigene Ästhetik. In Tskaltubo wird diese Faszination besonders greifbar.
Als Tskaltubo das Wellnesszentrum der Sowjetunion war
Heute wirkt Tskaltubo ruhig und beinahe verschlafen. Kaum etwas erinnert auf den ersten Blick daran, dass dieser Ort einst zu den berühmtesten Kurzentren der Sowjetunion gehörte.
Seinen Aufstieg verdankte Tskaltubo den natürlich warmen Mineralquellen. Das Wasser tritt mit einer konstanten Temperatur von rund 33 bis 35 Grad Celsius aus dem Boden und enthält Radon in geringer Konzentration. Bereits seit Jahrzehnten werden diese Quellen zur Behandlung von Rheuma, Gelenkerkrankungen sowie verschiedenen Bewegungs- und Nervenerkrankungen genutzt.
Die medizinische Bewertung radonhaltiger Heilquellen fällt international unterschiedlich aus. Während Radon in einigen Ländern – etwa in den USA – grundsätzlich als gesundheitliches Risiko betrachtet wird, gehören Radonbäder in mehreren europäischen Kurorten bis heute zum anerkannten therapeutischen Angebot. Ob man dieser Form der Behandlung Vertrauen schenkt, bleibt letztlich eine persönliche Entscheidung.
Zu seiner Blütezeit reihten sich rund um den zentralen Mineralwasserpark insgesamt 22 Sanatorien aneinander. Täglich wurden etwa 1.500 Kurgäste behandelt.
Erholung als staatliche Aufgabe
Tskaltubo war weit mehr als ein Kurort. Im Selbstverständnis der Sowjetunion gehörte Erholung zur sozialistischen Fürsorge. Millionen Arbeitnehmer erhielten im Laufe ihres Berufslebens einen staatlich organisierten Kuraufenthalt. Die Sanatorien dienten dabei nicht nur der Gesundheit. Sie waren zugleich Orte politischer Bildung und gesellschaftlicher Kontrolle.
Jedes Ministerium verfügte über sein eigenes Sanatorium. So entstanden Häuser für Geologen, Metallurgen, Eisenbahner oder andere Berufsgruppen. Architektur, Ausstattung und Größe spiegelten den Stellenwert der jeweiligen Institution wider.
Auch Josef Stalin kam 1931 nach Tskaltubo zur Kur. Der aus Georgien stammende sowjetische Machthaber war von dem Ort so angetan, dass er den weiteren Ausbau des Kurortes förderte. Sein persönliches Badehaus, das heutige Badehaus Nummer 6, existiert bis heute und wird nach seiner Restaurierung weiterhin genutzt.
Das Sanatorium Medea – Eleganz in Trümmern
Von den zahlreichen erhaltenen Gebäuden beeindruckte mich besonders das ehemalige Sanatorium Medea. Bereits der monumentale Eingangsbereich vermittelt eine Ahnung davon, welchen Stellenwert dieses Haus einst besaß. Breite Freitreppen führen auf einen von mächtigen Säulen getragenen Portikus zu. Dahinter öffnet sich eine Welt, in der Eleganz und Verfall eine fast surreale Verbindung eingehen.
Von der ursprünglichen Einrichtung ist kaum noch etwas erhalten. Die Marmorböden sind vielerorts zerstört, Fenster fehlen, Türen hängen schief in den Angeln. Dennoch erzählen hohe Decken, kunstvolle Verzierungen, weitläufige Terrassen und lange Säulengänge von einer Zeit, in der hier Komfort und Repräsentation eine große Rolle spielten.
Gerade weil vieles verschwunden ist, beginnt die Fantasie zu arbeiten. Man stellt sich elegante Empfangshallen vor, Kurgäste in festlicher Kleidung, Ärzte, Musik, Gespräche und den Geruch frisch polierter Böden. Heute hört man stattdessen den Wind durch zerbrochene Fenster ziehen.
Lost Places sind keine Freizeitparks
Je tiefer ich in das Gebäude hineinging, desto stiller wurde es. Verwinkelte Flure führten in immer neue Gebäudeteile. Alte Treppenhäuser mit ausgetretenen Stufen verloren sich im Halbdunkel. Manchmal fehlten Geländer vollständig. An anderen Stellen lagen Schutt und eingestürzte Deckenteile auf dem Boden.
Lost Places üben eine besondere Faszination aus. Gleichzeitig verlangen sie Respekt. Der Besuch erfolgt stets auf eigene Gefahr. Viele Gebäude befinden sich in einem schlechten baulichen Zustand. Gerade deshalb sollte man sich niemals leichtsinnig bewegen oder gesperrte Bereiche betreten.
Ein wenig unheimlich war mir dabei durchaus zumute. Ich verbrachte eine lange Zeit allein zwischen den verlassenen Räumen und war fast erschrocken, als plötzlich doch noch andere Besucher auftauchten. In dieser Stille vergisst man leicht, dass man nicht der einzige Mensch im Gebäude ist.
Schwarzweiß erzählt manchmal mehr
Natürlich entstanden unzählige Fotografien.
Schon während meines Rundgangs wusste ich, dass viele Motive später in Schwarzweiß noch stärker wirken würden. Farbe lenkt häufig vom Wesentlichen ab. In monochromen Bildern treten Strukturen, Licht, Schatten und Architektur deutlicher hervor.
Gerade in Tskaltubo erzählen Schwarzweißaufnahmen von Vergänglichkeit, ohne dramatisch wirken zu müssen. Abblätternder Putz, zerbrochene Fenster und verwitterte Säulen erhalten eine beinahe zeitlose Qualität.
Für mich gehören diese Bilder zu den eindrucksvollsten Aufnahmen meiner gesamten Georgienreise.
Vom Kurort zum Zufluchtsort
Mit dem Zerfall der Sowjetunion begann auch der Niedergang Tskaltubos.
Viele Sanatorien wurden aufgegeben und verfielen innerhalb weniger Jahre. Gleichzeitig brachte der Krieg in Abchasien Anfang der 1990er-Jahre eine humanitäre Krise mit sich. Rund 250.000 Menschen wurden innerhalb Georgiens vertrieben. Etwa 10.000 von ihnen fanden zeitweise in den verlassenen Sanatorien von Tskaltubo Unterkunft.
Was ursprünglich als kurzfristige Notlösung gedacht war, wurde für zahlreiche Familien zu einem jahrzehntelangen Provisorium. Manche lebten mehr als dreißig Jahre in Gebäuden, die niemals als dauerhafte Wohnungen vorgesehen waren.
Auch das Sanatorium Medea wurde zeitweise von bis zu fünfzig Familien bewohnt.
Diese Geschichte verändert den Blick auf die Ruinen. Sie sind nicht nur Zeugnisse sowjetischer Architektur, sondern auch Erinnerungsorte an Flucht, Verlust und Neuanfang.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Tskaltubo befindet sich heute erneut im Wandel.
Die georgische Regierung versucht seit einigen Jahren, den traditionsreichen Kurort wiederzubeleben. Mehrere historische Sanatorien wurden an Investoren verkauft und werden inzwischen restauriert. Andere Gebäude bleiben weiterhin verlassen oder sind bereits für Besucher gesperrt.
Auch einige der historischen Badehäuser wurden wieder in Betrieb genommen.
Wer Tskaltubo besuchen möchte, sollte deshalb bedenken, dass sich der Ort ständig verändert. Manche Lost Places werden in wenigen Jahren möglicherweise nicht mehr zugänglich sein oder in neuem Glanz erscheinen. Gerade deshalb lohnt sich ein Besuch jetzt.
Mein Fazit
Tskaltubo gehört zu den außergewöhnlichsten Lost Places Europas. Die verlassenen Sanatorien erzählen nicht nur vom Glanz der Sowjetzeit und ihrem raschen Niedergang. Sie erzählen auch von Menschen, die hier Heilung suchten, von Familien, die in den Ruinen Zuflucht fanden, und von einem Ort, der heute versucht, seine Zukunft neu zu gestalten.
Mich hat vor allem die Atmosphäre beeindruckt. Zwischen monumentalen Säulen, eingestürzten Treppenhäusern und lichtdurchfluteten Terrassen verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart.
Wer sich für Geschichte, Architektur, Fotografie oder Lost Places interessiert, sollte Tskaltubo unbedingt besuchen – mit der nötigen Vorsicht, viel Zeit und einer Kamera, deren Speicherkarte großzügig dimensioniert ist.







