Kutaisi entdecken – Zwischen legendärer Geschichte, Street Art und dem wohl schönsten Markt Georgiens
Es gibt Städte, die einen vom ersten Augenblick an überwältigen. Mit monumentalen Bauwerken, spektakulären Ausblicken oder berühmten Sehenswürdigkeiten. Und dann gibt es Orte wie Kutaisi. Städte, die sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern ihre schönsten Seiten erst nach und nach offenbaren.
Genau so habe ich Kutaisi erlebt.
Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Schließlich gehört die drittgrößte Stadt Georgiens zu den ältesten dauerhaft bewohnten Städten Europas und blickt auf eine Geschichte von mehr als 3.000 Jahren zurück. Hier befand sich einst das sagenumwobene Königreich Kolchis, hier suchten Jason und die Argonauten der Legende nach das Goldene Vlies und hier entstanden einige der bedeutendsten Bauwerke des Landes.
Trotzdem waren es am Ende nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die mir als Erstes in den Sinn kamen, als ich Kutaisi wieder verließ. Es war ein Markt.
Ein Markt, auf dem Händler zwischen Bergen von Obst und Gemüse saßen, auf dem es nach Kräutern, Gewürzen und frischem Brot duftete, auf dem Verkäufer der Sommerhitze einfach nachgaben und mitten zwischen ihren Waren einschliefen.
Ein Markt, auf dem ich gleich zweimal war.
Nicht, weil ich noch etwas kaufen wollte.
Sondern weil ich das Gefühl hatte, dort das wahre Kutaisi gefunden zu haben.
Eine Stadt, die sich nicht aufdrängt
Kutaisi liegt im Westen Georgiens, eingebettet in das Tal des Flusses Rioni. Viele Reisende kennen die Stadt zunächst nur wegen ihres Flughafens. Dank der Direktflüge aus Deutschland ist sie für viele der erste Berührungspunkt mit Georgien. Häufig wird anschließend der Mietwagen übernommen und es geht direkt weiter nach Swanetien, Batumi oder Tiflis.
Schade eigentlich. Denn Kutaisi ist viel mehr als ein praktischer Ausgangspunkt für eine Rundreise.
Die Stadt besitzt eine angenehme Gelassenheit, die sofort auffällt. Niemand scheint ständig auf die Uhr zu schauen. Menschen sitzen auf Parkbänken im Schatten alter Bäume, unterhalten sich vor kleinen Geschäften oder trinken gemütlich einen Kaffee. Das Leben spielt sich auf den Straßen ab, ohne laut oder hektisch zu wirken.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich mich hier vom ersten Moment an wohlfühlte. Kutaisi versucht nicht, spektakulär zu sein. Die Stadt ist es einfach.
Wo Geschichte lebendig bleibt
Dass Kutaisi auf eine außergewöhnlich lange Vergangenheit zurückblickt, spürt man an vielen Ecken.
Schon in der Antike war die Stadt Zentrum des Königreichs Kolchis. Der Name ist bis heute eng mit der griechischen Mythologie verbunden. Hier soll Jason gemeinsam mit den Argonauten nach dem Goldenen Vlies gesucht haben. Lange galt diese Geschichte als reine Sage.
Heute vermuten Historiker jedoch, dass sie durchaus einen realen Ursprung haben könnte. In den Gebirgsflüssen Westgeorgiens wurde Gold gewonnen, indem Schaffelle ins Wasser gelegt wurden. In ihrer Wolle blieben feinste Goldpartikel hängen, die anschließend ausgewaschen wurden. Aus dieser einfachen Methode könnte sich über Jahrhunderte eine der bekanntesten Erzählungen der Antike entwickelt haben.
Auch nach der Antike blieb Kutaisi eines der wichtigsten politischen und kulturellen Zentren Georgiens. Mehrfach war die Stadt Hauptstadt georgischer Königreiche und entwickelte sich zu einem bedeutenden religiösen Mittelpunkt des Landes.
Wer heute durch Kutaisi spaziert, begegnet dieser Geschichte auf Schritt und Tritt. Mal in Form einer mittelalterlichen Kirche. Mal in einem Denkmal. Und manchmal einfach in den Geschichten der Menschen.
Am schönsten ohne Plan
Normalerweise informiere ich mich vor einer Reise sehr genau über Sehenswürdigkeiten und Fotospots. In Kutaisi funktionierte das erstaunlicherweise anders. Natürlich hatte ich einen Plan, was ich alles sehen wollte. Doch die schönsten Entdeckungen machte ich häufig dann, wenn ich gerade nicht suche.
Ich biege einfach irgendwo ab, laufe durch eine Seitenstraße, bleibe vor einer alten Hausfassade stehen, entdecke plötzlich ein kleines Café.
Oder finde mich wenige Minuten später wieder zwischen Marktständen, auf einer Brücke oder vor einer Kirche wieder.
Kutaisi belohnt genau diese Art des Reisens.
Man muss hier nicht von Highlight zu Highlight hetzen. Die Stadt entfaltet ihren Charme gerade in den kleinen Momenten dazwischen.
Eine Überraschung, mit der ich nicht gerechnet hatte
Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, dass Street Art für mich zu jeder Reise gehört.
Ganz gleich, ob in London, Italien oder Georgien – ich halte automatisch Ausschau nach bemalten Fassaden, Paste-ups oder Murals.
Umso größer war meine Freude, als ich feststellte, dass auch Kutaisi einige beeindruckende Arbeiten zu bieten hat. Nicht in der Dichte wie Tiflis. Nicht an jeder Straßenecke. Aber genau das machte sie spannend.
Plötzlich tauchte an einer Häuserwand ein großformatiges Kunstwerk auf. Wenige Straßen weiter wartete bereits das nächste.
Manche Arbeiten erzählen von der Geschichte Georgiens, andere greifen moderne Themen auf oder bringen einfach Farbe in den öffentlichen Raum. Sie wirken nie aufgesetzt, sondern fügen sich erstaunlich harmonisch in das Stadtbild ein.
Für mich als Street-Art-Fotografin war das eine der schönsten Überraschungen der Reise.
Gerade der Kontrast zwischen jahrhundertealten Kirchen, sowjetischer Architektur und zeitgenössischer Kunst verleiht Kutaisi seinen ganz eigenen Charakter.
Natürlich blieb meine Kamera dabei kaum einmal in der Tasche.
Der Weg zum Markt
Nach einigen Stunden in der Stadt führte mich mein Weg schließlich dorthin, wo für mich das eigentliche Herz Kutaisis schlägt. Zum Markt.
Schon auf dem Weg dorthin verändert sich die Stimmung. Autos werden weniger, dafür nimmt das Stimmengewirr zu. Menschen tragen Einkaufstaschen, ältere Frauen unterhalten sich am Straßenrand, Lieferwagen entladen Kisten voller Gemüse.
Noch bevor ich die Hallen erreichte, wusste ich:
Hier würde ich länger bleiben als geplant. Sehr viel länger. Denn genau solche Orte erzählen oft mehr über ein Land als jede Sehenswürdigkeit. Hier begegnet man nicht der Kulisse für Touristen. Hier begegnet man dem Alltag. Und genau deshalb zog mich der Markt von Kutaisi sofort in seinen Bann.
Wo Kutaisi seinen Herzschlag zeigt
Märkte gehören für mich zu den spannendsten Orten einer Reise. Nicht, weil ich dort unbedingt einkaufen möchte. Sondern weil sich hier das alltägliche Leben eines Landes oft unverfälscht zeigt. Während Sehenswürdigkeiten Geschichten über die Vergangenheit erzählen, erzählt ein Markt von der Gegenwart. Genau deshalb zog es mich in Kutaisi gleich zweimal hierher.
Schon vor den Hallen herrschte reges Treiben. Obst und Gemüse türmten sich zu kleinen Kunstwerken auf. Pfirsiche, Aprikosen, Tomaten, Auberginen, Paprika und Kräuter leuchteten um die Wette. Dazwischen boten ältere Frauen selbst angebauten Knoblauch, Walnüsse oder duftende Kräuterbündel an, die vermutlich erst am Morgen geerntet worden waren. Niemand schien es eilig zu haben.
Man begrüßte sich, blieb auf ein paar Worte stehen oder diskutierte über die Qualität der Waren. Immer wieder hörte ich herzhaftes Lachen. Es wirkte nicht wie ein Markt für Besucher, sondern wie ein Treffpunkt der Stadt. Genau das machte seinen Reiz aus.
Ein Fest für die Sinne
Sobald ich eine der großen Markthallen betrat, änderte sich die Atmosphäre schlagartig.
Das Sonnenlicht blieb draußen. Stattdessen fiel es nur noch durch einzelne Öffnungen im Dach und zeichnete helle Flecken auf den Betonboden. Zwischen den langen Reihen der Verkaufsstände herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Überall gab es etwas zu entdecken.
An einem Stand lagen unzählige Käsesorten, deren Formen und Farben sich kaum unterschieden und doch alle anders schmeckten. Daneben stapelten sich Gewürze in großen Säcken, getrocknete Bohnen, Walnüsse, Haselnüsse und die typischen georgischen Gewürzmischungen.
Wenige Schritte weiter hing hausgemachte Wurst von der Decke. Frisches Brot wechselte gerade den Besitzer, während irgendwo im Hintergrund jemand lautstark seine Ware anpries. Es roch nach Kräutern, Käse, Gewürzen und frischem Gemüse.
Nicht geschniegelt. Nicht geschniegelt für Touristen. Sondern ehrliche. Genau so stelle ich mir einen Markt vor.
Wenn selbst die Hitze den Alltag bestimmt
An diesem Tag zeigte der Basar allerdings noch eine ganz andere Seite.
Draußen kletterten die Temperaturen immer höher, und in den Hallen schien sich die Wärme regelrecht zu stauen. Die Luft stand zwischen den Verkaufsständen. Ventilatoren drehten sich zwar unermüdlich, konnten der Hitze aber kaum etwas entgegensetzen. Viele Händler hatten sich längst damit arrangiert.
Ein Mann saß mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl und schlief tief und fest. Ein paar Meter weiter hatte eine Verkäuferin ihren Kopf auf den Tisch gelegt. Ein anderer Händler döste zwischen Kisten voller Obst. Und niemand schien sich daran zu stören. Die Kunden gingen ganz selbstverständlich weiter einkaufen. Wer etwas kaufen wollte, weckte den Verkäufer freundlich auf, bezahlte und setzte seinen Einkauf fort. Für mich war das einer dieser Momente, die sich nicht planen lassen.
Ich fotografiere gerne Menschen – allerdings nicht spektakuläre Szenen, sondern genau solche kleinen Augenblicke des Alltags. Situationen, die zeigen, wie das Leben tatsächlich aussieht. Diese Bilder gehören heute zu meinen liebsten Erinnerungen an Kutaisi.
Fotografieren mit Respekt
Gerade auf Märkten stellt sich immer wieder die Frage, wie weit man mit der Kamera gehen sollte.
Ich versuche grundsätzlich, Menschen respektvoll zu begegnen. Nicht jedes Gesicht gehört ungefragt ins Internet. Deshalb entstehen viele meiner Aufnahmen mit etwas Abstand oder konzentrieren sich auf Hände, Waren, Lichtstimmungen oder kleine Details.
Manchmal genügt ein freundliches Lächeln.
Oft ergibt sich daraus sogar ein kurzes Gespräch.
Auch in Kutaisi begegnete ich fast ausschließlich offenen Menschen. Einige winkten freundlich, andere waren neugierig auf die Kamera oder wollten wissen, woher ich komme. Diese Offenheit machte das Fotografieren angenehm unkompliziert.
Ein Ort, an den ich sofort zurückkehren würde
Als ich den Markt schließlich verließ, hatte ich längst nicht alles gesehen. Immer wieder entdeckte ich neue Gänge, kleine Verkaufsstände oder liebevoll präsentierte Waren. Vermutlich könnte man mehrere Stunden dort verbringen und trotzdem bei jedem Besuch etwas Neues entdecken. Deshalb kam ich einfach noch einmal zurück. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern weil ich Lust darauf hatte. Für mich war dieser Basar weit mehr als eine Sehenswürdigkeit. Er war das Herz Kutaisis.
Die Weiße Brücke – Treffpunkt am Rioni
Vom Markt ist es nur ein kurzer Spaziergang bis zum Fluss Rioni, der sich durch Kutaisi schlängelt.
Hier überspannt die Weiße Brücke das Wasser – eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt und gleichzeitig ein Ort, an dem sich Einheimische und Besucher gleichermaßen begegnen.
Auf den Bänken sitzen ältere Männer und beobachten das Geschehen. Jugendliche lehnen am Geländer, Kinder schauen hinunter auf den Fluss, während Paare langsam über die Brücke spazieren.
Die Atmosphäre wirkt angenehm gelassen.
Fast jeder Besucher bleibt allerdings an einer ganz bestimmten Stelle stehen.
Wer ist eigentlich „Picassos Junge“?
Auf dem Geländer balanciert eine Bronzefigur. Ein Junge mit Hut. Die Skulptur wird von den Einwohnern liebevoll „Picassos Junge“ genannt. Ihren Spitznamen verdankt sie ihrer stilisierten Form, die manche an die Werke Pablo Picassos erinnert – auch wenn der berühmte Maler selbst mit der Figur nichts zu tun hat.
Berühmt wurde die Weiße Brücke außerdem durch den georgischen Film Die außergewöhnliche Ausstellung (არაჩვეულებრივი გამოფენა) von Eldar Schengelaia aus dem Jahr 1968. In einer der bekanntesten Szenen springt eine Figur von der Brücke in den Rioni. Bis heute gehört diese Filmszene zum kulturellen Gedächtnis Kutaisis.
Ich mag solche Orte. Sie erzählen nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichten.
Eine Synagoge, mit der ich nicht gerechnet hatte
Wenig später machte ich eine weitere Entdeckung, die gar nicht auf meiner Liste gestanden hatte.
Mitten in Kutaisi stand plötzlich die Synagoge.
Von außen wirkt sie eher zurückhaltend. Wer ihre Geschichte kennt, erkennt jedoch schnell ihre Bedeutung. Bereits seit vielen Jahrhunderten lebt eine jüdische Gemeinde in Georgien. Kutaisi war über lange Zeit eines ihrer wichtigsten Zentren.
Die heutige Synagoge entstand Ende des 19. Jahrhunderts und wird bis heute genutzt.
Solche zufälligen Begegnungen machen für mich den Reiz einer Reise aus. Nicht alles muss vorher geplant sein. Manchmal reicht es völlig, aufmerksam durch eine Stadt zu gehen.
Kutaisi überrascht immer wieder
Als ich meinen Spaziergang fortsetzte, wurde mir bewusst, warum mir Kutaisi so gut gefiel. Die Stadt lebt nicht von einer einzigen großen Attraktion.
Sie lebt von ihrer Mischung. Von antiker Geschichte und gelebtem Alltag. Von moderner Street Art und jahrhundertealten Kirchen. Von kleinen Begegnungen und großen Geschichten.
Und genau diese Mischung machte mich neugierig auf das, was noch vor mir lag – den prachtvollen Kolchis-Brunnen, die Bagrati-Kathedrale und einige der eindrucksvollsten Orte Westgeorgiens.
Der Kolchis-Brunnen – wo eine Legende lebendig wird
Nur wenige Gehminuten von der Weißen Brücke entfernt öffnet sich der David-Agmaschenebeli-Platz. Hier trifft man sich, hier flanieren Einheimische am Abend, hier sitzen Familien auf den Bänken – und hier steht eines der bekanntesten Wahrzeichen Kutaisis: der Kolchis-Brunnen.
Selbst wer sich nur wenig mit der Geschichte Georgiens beschäftigt hat, bleibt vor diesem Brunnen unweigerlich stehen. Mehrere Ebenen, fließendes Wasser und vor allem die zahlreichen vergoldeten Tierfiguren ziehen sofort die Blicke auf sich. Doch der Brunnen ist weit mehr als ein schönes Fotomotiv.
Die Figuren sind Nachbildungen kostbarer Goldobjekte, die Archäologen in Westgeorgien gefunden haben. Pferde, Widder, Hirsche und Raubkatzen erinnern an den Reichtum des antiken Königreichs Kolchis, dessen Hauptstadt einst Kutaisi war.
Plötzlich wird die griechische Mythologie greifbar.
Hier, in dieser Region, suchten Jason und die Argonauten der Überlieferung nach dem Goldenen Vlies. Natürlich ist diese Geschichte eine Sage. Dennoch vermuten Historiker, dass sie auf einer realen Methode der Goldgewinnung beruht. In den Gebirgsflüssen des Kaukasus legten die Menschen Schaffelle ins Wasser, in deren Wolle sich feinste Goldpartikel verfingen. Aus dieser Technik könnte sich über Jahrhunderte eine der berühmtesten Legenden der Antike entwickelt haben.
Wer vor dem Brunnen steht, blickt deshalb nicht nur auf ein modernes Kunstwerk, sondern auf ein Symbol für die Wurzeln einer ganzen Region.
Vor allem am Abend, wenn die Sonne die goldenen Figuren in warmes Licht taucht, lohnt es sich, noch einmal zurückzukehren. Dann wirkt der Platz deutlich ruhiger als tagsüber und der Brunnen entfaltet seinen ganz eigenen Zauber.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Was mich an Kutaisi besonders fasziniert hat, sind die vielen historischen Schichten, die hier sichtbar werden. Nur wenige Schritte vom Kolchis-Brunnen entfernt begegnet man Zeugnissen einer völlig anderen Epoche.
Monumentale Skulpturen erinnern an die Zeit der Sowjetunion – groß, massiv und voller Symbolik. Während viele vergleichbare Denkmäler in den vergangenen Jahrzehnten entfernt wurden, sind in Kutaisi noch einige erhalten geblieben.
Sie erzählen von einer Zeit, in der Georgien Teil der Sowjetunion war und Kunst häufig politische Botschaften transportieren sollte.
Heute wirken diese Monumente fast wie steinerne Zeitzeugen. Man muss sie nicht mögen. Aber sie gehören zur Geschichte des Landes.
Gerade deshalb finde ich es spannend, dass Kutaisi seine Vergangenheit nicht einfach ausradiert. Die Stadt zeigt ihre unterschiedlichen Epochen ganz selbstverständlich nebeneinander. Antike. Mittelalter. Sowjetzeit. Moderne Street Art. All das existiert hier gleichzeitig.
Die Verkündigungskirche – ein Ort der Stille
Mitten im lebhaften Zentrum steht ein Gebäude, das viele Besucher zunächst übersehen. Die Verkündigungskirche ist keine monumentale Kathedrale und kein spektakulärer Fotospot. Vielleicht wirkt sie gerade deshalb so besonders.
Ihre Geschichte spiegelt die wechselvolle Vergangenheit Georgiens wider.
Errichtet wurde sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts als katholische Kirche. Während der Sowjetzeit verlor sie ihre ursprüngliche Funktion und wurde später der georgisch-orthodoxen Kirche übergeben.
Heute kommen Gläubige hierher, um Kerzen anzuzünden, zu beten oder einfach einen Moment innezuhalten.
Als ich die Kirche betrat, fiel sofort die Ruhe auf. Draußen fuhren Autos vorbei, Menschen gingen ihren Einkäufen nach und nur wenige Meter entfernt herrschte geschäftiges Treiben. Drinnen schien die Zeit stillzustehen. Kerzen warfen ihr warmes Licht auf die Ikonen. Weihrauch lag in der Luft, und nur leise Schritte waren zu hören.
Ich mag solche Orte. Nicht wegen ihrer Größe.
Sondern wegen ihrer Atmosphäre.
Hoch über Kutaisi
Es gibt kaum einen besseren Ort, um sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen, als die Bagrati-Kathedrale.
Schon von weitem ist sie auf dem Ukimerioni-Hügel sichtbar. Ganz gleich, wo man sich im Zentrum befindet – irgendwann fällt der Blick automatisch auf die mächtigen Mauern, die hoch über den Dächern Kutaisis thronen.
Der Weg hinauf ist angenehm kurz und führt durch ruhige Wohnstraßen. Oben angekommen öffnet sich der Blick über die gesamte Stadt. Der Rioni schlängelt sich durch das Tal, Brücken verbinden beide Ufer, und in der Ferne zeichnen sich die grünen Hügel Westgeorgiens ab. Allein für dieses Panorama lohnt sich der Aufstieg. Doch natürlich kommt man nicht nur wegen der Aussicht.
Ein Symbol der georgischen Einheit
Die Bagrati-Kathedrale gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten Georgiens. Sie wurde Anfang des 11. Jahrhunderts unter König Bagrat III. errichtet, jenem Herrscher, dem es gelang, große Teile Georgiens zu vereinen. Deshalb gilt die Kirche bis heute als Symbol der nationalen Einheit.
Im 17. Jahrhundert wurde sie während osmanischer Angriffe schwer beschädigt und blieb über Jahrhunderte eine eindrucksvolle Ruine. Erst im 21. Jahrhundert begann eine umfassende Restaurierung.
Diese sorgte international durchaus für Diskussionen. Manche Fachleute kritisierten die modernen Ergänzungen aus Glas und Metall, andere sahen darin die einzige Möglichkeit, das Bauwerk dauerhaft zu erhalten. Ganz gleich, wie man zu dieser Debatte steht – die Kathedrale beeindruckt. Nicht nur durch ihre Größe. Sondern auch durch ihre Geschichte.
Wer einige Minuten auf der Mauer vor der Kirche sitzt und den Blick über Kutaisi schweifen lässt, versteht schnell, warum dieser Ort für viele Georgier eine besondere Bedeutung besitzt.
Die Prometheus-Höhle
Ein Naturwunder vor den Toren der Stadt
Kutaisi eignet sich nicht nur als Ziel für einen Städtetrip. Auch die Umgebung hält einige außergewöhnliche Naturerlebnisse bereit.
Eines davon ist die Prometheus-Höhle, die nur rund zwanzig Kilometer nordwestlich der Stadt liegt.
Bereits die Anfahrt führt durch eine grüne, fast schon subtropisch wirkende Landschaft. Hohe Bäume säumen die Straße, und kaum etwas deutet darauf hin, dass sich unter der Erde eines der größten Höhlensysteme Georgiens verbirgt.
Der Rundgang durch die Prometheus-Höhle gehört für viele Besucher zu den Höhepunkten einer Reise nach Westgeorgien. Zu Recht.
Über gut anderthalb Kilometer führen Stege durch riesige Hallen mit gewaltigen Tropfsteinen, filigranen Stalaktiten und unterirdischen Seen. An manchen Stellen öffnen sich Räume, die eher an Kathedralen erinnern als an natürliche Höhlen.
Lichtinstallationen setzen die Felsformationen eindrucksvoll in Szene, ohne ihnen die natürliche Wirkung zu nehmen.
Je nach Wasserstand endet der Besuch sogar mit einer Bootsfahrt auf einem unterirdischen Fluss – ein Erlebnis, das besonders Familien begeistert.
Wer mehrere Tage in Kutaisi verbringt, sollte diesen Ausflug unbedingt einplanen. Er zeigt eine völlig andere Seite Georgiens und bildet einen spannenden Kontrast zur historischen Altstadt.
Mehr als nur eine Stadt für einen Zwischenstopp
Je länger ich in Kutaisi unterwegs war, desto deutlicher wurde mir, dass die Stadt häufig unterschätzt wird. Viele Reisende kommen wegen des Flughafens. Manche bleiben eine Nacht. Andere fahren sogar direkt weiter.
Dabei lohnt es sich, bewusst Zeit mitzubringen. Nicht nur wegen der Sehenswürdigkeiten. Sondern wegen der Atmosphäre. Kutaisi lebt nicht von spektakulären Superlativen. Die Stadt überzeugt durch ihre Mischung aus Geschichte, Kultur, Gastfreundschaft und Alltag. Und genau deshalb fiel mir der Abschied nicht ganz so leicht. Zumal das Schönste meiner Reise noch bevorstand.
Zwei Abende, die mehr über Georgien erzählten als jeder Reiseführer
So beeindruckend Kirchen, Brunnen oder historische Bauwerke auch sein mögen – die wertvollsten Erinnerungen einer Reise entstehen oft dort, wo man nicht als Tourist, sondern als Gast willkommen ist.
Genau das durfte ich in Kutaisi erleben.
Unser Reiseguide Giorgi stammt aus der Stadt. Schon während der Reise hatte ich seine große Begeisterung für Georgien gespürt. Er sprach nicht nur über Sehenswürdigkeiten, sondern erzählte Geschichten über seine Heimat, über Traditionen, über die Menschen und beantwortete geduldig meine vielen Fragen
Willkommen im Toma’s Wine Cellar
Etwas außerhalb des lebhaften Stadtzentrums betreibt Giorgis Familie das Toma’s Wine Cellar.
Schon beim Betreten wird deutlich, dass dieser Ort mehr ist als ein Restaurant. Es ist ein Familienbetrieb. Ein Ort, an dem mehrere Generationen gemeinsam arbeiten, kochen und Gäste empfangen.
Man wird nicht an einen Tisch geführt und bekommt eine Speisekarte in die Hand gedrückt.
Man wird begrüßt. Herzlich. Fast so, als würde man Freunde besuchen.
Noch bevor wir richtig Platz genommen hatten, standen bereits die ersten Speisen auf dem Tisch; hausgemachte Spezialitäten, die sofort Lust auf mehr machten.
Und mehr sollte tatsächlich noch reichlich folgen.
Georgische Gastfreundschaft ist keine Floskel
Über die legendäre Gastfreundschaft Georgiens hatte ich schon oft gelesen.
Erleben musste ich sie allerdings erst in Kutaisi.
Kaum war ein Teller leer, erschien der nächste. Immer wieder brachte jemand neue Schüsseln an den Tisch; Giorgi erklärte einzelne Gerichte oder erzählte, wie sie zubereitet werden. Hunger hatte wir schon lange nicht mehr; es wurde einfach weiter aufgetragen. Mit der Zeit verlor ich ehrlich gesagt den Überblick darüber, wie viele verschiedene Speisen wir probierten.
Es gab Tchachochbili mit Hähnchenfleisch und Walnusssoße, Jondjoli, georgische Wurst Kupati, Maisbrot Mchadi und Aubergine mit Walnusspaste.
Chatschapuri und Käse durften natürlich auch nicht fehlen; ausnahmsweise gab es mal keine Chinkali.
Wein gehört in Georgien einfach dazu
Natürlich spielte auch der Wein eine Hauptrolle.
Schließlich gilt Georgien als eines der ältesten Weinländer der Welt. Archäologische Funde belegen, dass hier bereits vor rund 8.000 Jahren Wein hergestellt wurde. Bis heute ist der Wein eng mit der georgischen Kultur verbunden.
Im Toma’s Wine Cellar wurde schnell deutlich, dass Wein hier weit mehr ist als ein Getränk.
Er verbindet Menschen. Immer wieder wurden Gläser gefüllt. Es wurde angestoßen, gelacht und erzählt.
Wer Georgien bereist, begegnet früher oder später der Tradition des Trinkspruchs, der sogenannten Supra. Dabei erhebt der Tamada – der Tischmeister – das Glas und spricht einen Trinkspruch. Mal geht es um Familie, mal um Freundschaft, mal um Gesundheit oder Frieden.
Auch an diesem Abend wurde deutlich, dass gemeinsames Essen und gemeinsames Trinken in Georgien weit mehr bedeuten als bloße Nahrungsaufnahme. Es geht um Gemeinschaft. Gespräche, die in Erinnerung bleiben.
Das Schönste an diesem Abend waren allerdings nicht die Speisen und auch nicht der Wein. Es waren die Gespräche, ganz viel Lachen und die Begegnung mit Alexandra und Claudia, die wie wir auf der Durchreise waren. So was kann man nicht planen.
Es ging um Familie, um Reisen, um den Alltag und manchmal auch einfach um kleine Anekdoten, über die wir alle gemeinsam lachen mussten. Gerade solche Momente bleiben lange im Gedächtnis. Nicht weil sie spektakulär wären. Sondern weil sie echt sind.
Und dann kamen wir einfach noch einmal
Ein Abend hätte eigentlich genügt. Sollte man meinen. Doch schon eine Woche später saßen wir wieder im Toma’s Wine Cellar. Es stand zwar ohnehin auf unserem Reiseplan, aber wir freuten uns schon drauf. Es fühlte sich inzwischen vertraut an.
Die Begrüßung war herzlich. Wir trafen Ika mit seiner kleinen Truppe wieder und wieder füllte sich der Tisch mit regionalen Spezialitäten. Wieder wurden Gläser erhoben und Geschichten erzählt.
Mir wurde dabei bewusst, wie selten solche Begegnungen auf Reisen eigentlich sind. Viele Restaurants servieren gutes Essen. Aber nur wenige schaffen es, ihren Gästen das Gefühl zu geben, wirklich willkommen zu sein. Genau das gelingt Giorgis Familie. Eine Erfahrung, die man nicht buchen kann
Natürlich kann jeder Gast im Toma’s Wine Cellar hervorragend essen. Was diesen Ort jedoch so besonders macht, lässt sich nicht auf einer Speisekarte finden. Es ist die Atmosphäre. Die Offenheit. Die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Vielleicht sind es genau die Momente, in denen manGeorgien ein Stück besser versteht. Nicht über Museen. Nicht über Reiseführer. Sondern an einem gedeckten Tisch.
Direkt nach Kutaisi – einfacher als viele denken
Lange galt Tiflis als wichtigstes Einfallstor nach Georgien. Inzwischen hat sich Kutaisi jedoch zu einem ebenso attraktiven Startpunkt entwickelt.
Der internationale Flughafen Kutaisi wird vor allem von der ungarischen Fluggesellschaft Wizz Air angeflogen. Je nach Saison bestehen Direktverbindungen unter anderem ab Berlin, Dortmund, Hamburg, Memmingen und Frankfurt-Hahn.
Gerade für Individualreisende ist das ein großer Vorteil. Die Flüge sind häufig erstaunlich günstig und ersparen den Umweg über Tiflis.
Wer eine Rundreise durch Georgien plant, kann problemlos in Kutaisi starten und von dort aus weiter nach Swanetien, Batumi oder in die Hauptstadt reisen.
Praktische Tipps für deinen Aufenthalt in Kutaisi
Aus meiner Sicht solltest du für Kutaisi mindestens zwei Übernachtungen einplanen. So bleibt genügend Zeit, die Stadt in Ruhe zu erkunden, den Markt mehr als nur im Vorbeigehen zu erleben und Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen.
Wer gerne fotografiert, sollte morgens möglichst früh oder am späten Nachmittag unterwegs sein. Dann ist das Licht besonders angenehm und viele Straßen wirken deutlich ruhiger.
Für den Markt empfiehlt sich Bargeld, auch wenn in vielen Geschäften inzwischen Karten akzeptiert werden.
Und noch ein ganz persönlicher Tipp: Nimm dir Zeit. Kutaisi ist keine Stadt, die man möglichst schnell abhaken sollte. Setz dich auf eine Bank an der Weißen Brücke. Schlendere ohne Ziel durch die Straßen. Bleib auf dem Markt einfach einmal stehen und beobachte das Leben. Oft sind genau diese ungeplanten Momente die schönsten einer Reise.
Als ich Kutaisi schließlich verließ, nahm ich natürlich viele Fotos mit nach Hause.
Noch wertvoller waren allerdings die Erinnerungen.
An Gespräche. An Begegnungen. An Herzlichkeit.
Und an zwei Abende, die mich daran erinnert haben, warum ich so gerne reise.
Warum Kutaisi für mich zu den schönsten Städten Georgiens gehört
Wenn ich an Kutaisi zurückdenke, erscheinen vor meinem inneren Auge nicht zuerst die berühmten Sehenswürdigkeiten.
Es ist auch nicht die Bagrati-Kathedrale, die hoch über der Stadt wacht. Nicht der prachtvolle Kolchis-Brunnen. Nicht die Weiße Brücke über den Rioni.
Ich denke an den Markt.
An die schmalen Gassen zwischen den Ständen.
An die Verkäufer, die der sommerlichen Hitze trotzen mussten und irgendwann einfach zwischen ihren Waren einschliefen.
An das Stimmengewirr, das nie hektisch wirkte, sondern wie die natürliche Melodie dieser Stadt.
Vielleicht erzählt genau dieser Markt mehr über Kutaisi als jede Sehenswürdigkeit. Denn hier begegnet man nicht der Vergangenheit. Hier begegnet man den Menschen. Und genau sie sind es, die diese Stadt so besonders machen.
Dazu kamen die überraschenden Murals, die ich in den Straßen entdeckte. Sie bilden einen spannenden Kontrast zu den historischen Kirchen und zeigen, dass Kutaisi längst nicht nur von seiner Vergangenheit lebt.
Vielen Dank auch an Nino für das liebevoll zubereitete Frühstück in der Villa Gelati (hat nichts mit Eis zu tun!).
Unvergesslich bleiben für mich aber vor allem die beiden Abende bei Giorgis Familie im Toma‘s Wine Cellar.
Sie haben mir einmal mehr gezeigt, was Georgien ausmacht. Gastfreundschaft wird hier nicht inszeniert. Sie wird gelebt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir dieses Land gefällt. Man reist wegen der Landschaften. Man kommt wegen der Geschichte. Aber in Erinnerung bleiben die Menschen.
Häufig gestellte Fragen zu Kutaisi
- Lohnt sich ein Besuch in Kutaisi?
Unbedingt. Kutaisi zählt zu den ältesten Städten Europas und verbindet Geschichte, Kultur, Street Art und gelebten Alltag auf eine angenehm entspannte Weise. Besonders der Markt, die Bagrati-Kathedrale, der Kolchis-Brunnen und die Gastfreundschaft der Menschen machen die Stadt zu einem Höhepunkt jeder Georgienreise. - Wie viele Tage sollte man für Kutaisi einplanen?
Ideal sind zwei bis drei Übernachtungen. So bleibt genügend Zeit für die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, den Markt, die Prometheus-Höhle sowie spontane Entdeckungen abseits der bekannten Wege. - Kann man Kutaisi gut zu Fuß erkunden?
Ja. Die Innenstadt ist kompakt und die meisten Sehenswürdigkeiten liegen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Lediglich für Ausflüge zur Prometheus-Höhle oder zum Gelati-Kloster empfiehlt sich ein Auto oder Taxi. - Was sollte man in Kutaisi unbedingt sehen?
Zu den Highlights gehören die Bagrati-Kathedrale, der Kolchis-Brunnen, die Weiße Brücke mit „Picassos Junge“, die Verkündigungskirche, die Synagoge, der Markt von Kutaisi sowie die überraschend vielfältige Street Art. - Ist der Markt von Kutaisi einen Besuch wert?
Für mich gehört er sogar zu den schönsten Märkten Georgiens. Wer das alltägliche Leben kennenlernen und authentische Fotomotive entdecken möchte, sollte ausreichend Zeit einplanen. Gerade am Vormittag herrscht dort eine besondere Atmosphäre. - Gibt es Direktflüge nach Kutaisi?
Ja. Je nach Saison bietet Wizz Air Direktflüge von mehreren deutschen Flughäfen nach Kutaisi an. Dadurch eignet sich die Stadt hervorragend als Ausgangspunkt für eine individuelle Rundreise durch Georgien. - Wann ist die beste Reisezeit für Kutaisi?
Die angenehmsten Monate sind Mai, Juni, September und Oktober. Im Hochsommer kann es in Westgeorgien sehr heiß werden – besonders in den Markthallen.







