Wattwanderung bei Tossens: Mehr als Ebbe und Flut
Was lernt man auf einer Wattwanderung? Sehr viel mehr als etwas über Ebbe und Flut.
Auf meiner Reise durch Butjadingen bin ich von Tossens aus mit der staatlich geprüften Watt- und Nationalparkführerin Birgitt von Thülen ins Wattenmeer gegangen. Zwei Stunden lang waren wir unterwegs – durch Schlick, über Muschelfelder und entlang von Prielen. Was zunächst wie eine fast leere Landschaft wirkt, entpuppte sich als hochkomplexer Lebensraum, in dem praktisch jeder Schritt eine Geschichte erzählen kann.
Die Wattwanderungen der Familie von Thülen starten in Tossens. Die staatlich geprüften Wattführer vermitteln dabei nicht nur Wissen über die Besonderheiten des Wattenmeeres, sondern erklären auch, wie sich Tiere und Pflanzen an den ständigen Wechsel von Überflutung und Trockenfallen angepasst haben.
Warum das Watt niemals wirklich leer ist
Auf den ersten Blick ist das Watt eine eigenartige Landschaft: viel Himmel, viel Schlick, wenig, was sich bewegt. Wer genauer hinsieht, entdeckt allerdings schnell, dass diese scheinbare Leere täuscht.
Wattflächen werden zweimal täglich vom Meer überflutet und wieder freigelegt. In den Sedimenten leben Würmer, Schnecken, Muscheln, Krebse und zahlreiche weitere Organismen. Für viele Zug- und Küstenvögel ist das Wattenmeer deshalb ein wichtiger Nahrungsraum.
Birgitt von Thülen zeigte uns, genauer hinzuschauen. Plötzlich wurden aus unscheinbaren Spuren im Schlick Hinweise auf Tiere, die sich gerade irgendwo unter unseren Füßen versteckten. Aus einem Priel wurde eine Erklärung über die Gezeiten. Und aus einer Muschelbank ein Beispiel dafür, wie sich ein Ökosystem verändern kann.
Genau das ist es, was ich an geführten Naturerlebnissen schätze: Man sieht nicht einfach mehr. Man versteht mehr.
Ebbe und Flut sind ein kompliziertes Zusammenspiel
Natürlich weiß man, dass die Nordsee Ebbe und Flut hat. Aber was dahintersteckt, ist wesentlich komplexer als die einfache Vorstellung vom Wasser, das zweimal am Tag kommt und wieder geht.
Die Gezeiten entstehen durch das Zusammenspiel der Anziehungskräfte von Mond und Sonne mit der Bewegung von Erde und Mond. Wie hoch das Wasser an einem bestimmten Ort tatsächlich aufläuft, hängt zusätzlich unter anderem von Windrichtung und Windstärke sowie den örtlichen Bedingungen ab. Im Wattenmeer verändern die Gezeiten die Landschaft ständig: Sedimente werden verlagert, Priele verändern ihre Form und die Wattflächen werden zweimal täglich neu überflutet und wieder trockengelegt.
Damit wird auch verständlich, warum eine Wattwanderung nicht einfach ein Spaziergang auf dem Meeresboden ist.
Ein Priel kann plötzlich ziemlich ernst werden
Das wurde mir spätestens bei meinem eigenen kleinen Watt-Abenteuer sehr deutlich.
Ich bin mit meinen Gummistiefeln ordentlich in einem Priel steckengeblieben. So richtig. Während ich noch versuchte, meinen Fuß wieder aus dem Schlick zu bekommen, landete meine Kamera im Matsch. Für eine Fotografin ungefähr der Moment, in dem das Herz kurz aussetzt.
Zum Glück ließ sich die Kamera anschließend wieder gründlich reinigen und hat keinen weiteren Schaden genommen. Meine Gummistiefel hatten dagegen weniger Glück: Sie waren vollgelaufen. Das Fleece im Inneren brauchte anschließend mehrere Tage, bis es wieder trocken war.
Eine ziemlich praktische Lektion in Sachen Wattkunde.
Denn Priele, Schlickflächen und andere Vertiefungen sind nicht nur unangenehm, wenn man hineingerät. Zusammen mit der einsetzenden Flut können sie zu echten Gefahren werden. Genau deshalb weist auch der Tourismus-Service Butjadingen darauf hin, dass geführte Wattwanderungen eine sichere Möglichkeit sind, diesen besonderen Lebensraum kennenzulernen.
Mein unfreiwilliger Prieltest hat diese Empfehlung jedenfalls nachhaltig unterstrichen.
Wattstrümpfe? Eine Erfahrung für sich
Auch bei der Ausrüstung gab es während unserer Tour interessante Erfahrungen.
Einige Teilnehmer hatten extra in Wattstrümpfe investiert. Das einstimmige Feedback nach der Wanderung: eher Fehlinvestition.
Auf dem Weg über den festen Untergrund bewegten sie sich darin ungefähr wie Enten auf Abwegen. Und im Schlick kam noch ein anderes Problem hinzu: Teilweise blieb der Socken einfach im Watt stecken, während der Fuß ohne ihn weiterwanderte.
Ich blieb deshalb bei meinen Gummistiefeln. Dass diese irgendwann mit Nordseewasser gefüllt waren, ist eine andere Geschichte.
Für mich gehört genau so etwas zu einer Reiseerfahrung dazu. Nicht jede Erkenntnis steht im Reiseführer. Manche steckt im Priel – und manchmal auch im Schuh.
Die Pazifische Auster verändert das Watt
Besonders interessant fand ich die großen Austernbänke.
Bei den heute im Wattenmeer weit verbreiteten Tieren handelt es sich um die Pazifische Auster (Magallana gigas). Die ursprünglich aus dem Pazifik stammende Art wurde in Europa seit den 1980er-Jahren für die Aquakultur eingesetzt. Von den Zuchtanlagen aus verbreitete sie sich anschließend auch in den freien Lebensraum des Wattenmeeres.
Inzwischen prägt die Pazifische Auster vielerorts die Struktur der Muschelbänke. Untersuchungen der Nationalparkverwaltung zeigen, dass sie sich im niedersächsischen Wattenmeer stark ausgebreitet hat und vor allem ehemals von Miesmuscheln gebildete Bereiche besiedelt. Beide Arten stehen dabei in Konkurrenz um Platz und Nahrung.
Das Spannende daran: Die Geschichte ist keineswegs so einfach wie „heimische Art gut, eingewanderte Art schlecht“. Die Pazifische Auster hat neue Riffstrukturen geschaffen und damit auch einen neuen Lebensraum entstehen lassen. Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung der ursprünglichen Muschelbänke verändert. Das Wattenmeer ist also ein Beispiel dafür, wie dynamisch Ökosysteme sein können.
Vor Ort wird aus einer wissenschaftlichen Information plötzlich etwas sehr Konkretes. Man steht vor einer Austernbank, schaut auf die scharfkantigen Schalen und begreift, dass diese Tiere inzwischen selbst Landschaft gestalten.
Ein altes Wrack im Watt
Noch einmal eine ganz andere Geschichte erzählt das alte Bootswrack, das bei Niedrigwasser sichtbar wird.
Solche Überreste wirken im Watt beinahe wie aus der Zeit gefallen. Das Meer legt sie frei, die nächste Flut nimmt sie wieder aus unserem Blickfeld. Was an Land vielleicht ein historisches Objekt wäre, liegt hier mitten in einer Landschaft, die sich ständig verändert.
Die Familie von Thülen führt das alte Wrack ausdrücklich als eines der Ziele ihrer Wattwanderungen auf.
Für mich als Fotografin war das Motiv natürlich besonders reizvoll – nicht im Sinne einer romantischen Verklärung, sondern weil sich hier Geschichte und Landschaft unmittelbar verbinden. Das Wrack erzählt von menschlicher Nutzung der Nordsee. Das Watt erzählt gleichzeitig davon, wie wenig dauerhaft diese Landschaft ist.
Natur und Industrie liegen am Jadebusen nebeneinander
Und dann ist da noch Wilhelmshaven.
Wer bei Tossens ins Watt hinausgeht, blickt nicht ausschließlich auf Natur. Am Horizont stehen die Kräne und Industrieanlagen von Wilhelmshaven. Dazwischen liegen Wasser, Wattflächen, Priele und der Jadebusen.
Genau dieser Kontrast hat mich fotografisch besonders interessiert.
Auf meinen Bildern treffen scheinbar gegensätzliche Welten aufeinander: die fast abstrakte Weite des Watts, Spiegelungen der Uferbebauung, Austern und Wattboden, das alte Wrack und Birgitt als prägende Figur dieser Landschaft. Im Hintergrund stehen die technischen Strukturen von Wilhelmshaven.
Natur und Industrie, Tradition und Gegenwart, Landschaft und menschliche Nutzung liegen hier nicht weit voneinander entfernt. Sie gehören zur gleichen Küstenlandschaft.
Der Jadebusen ist damit nicht nur eine Kulisse für Nordseeurlaub. Er ist ein Raum, in dem unterschiedliche Interessen und Lebensräume unmittelbar nebeneinander existieren.
Warum eine Wattwanderung meinen Blick verändert hat
Für meine Arbeit als Reisejournalistin und Fotografin war die Wattwanderung deshalb mehr als ein Programmpunkt auf einer Pressereise durch Butjadingen.
Ich habe fotografiert, natürlich. Aber ich habe auch gelernt, genauer hinzusehen.
Eine Spur im Schlick ist nicht mehr einfach eine Spur. Eine Muschelbank ist nicht mehr nur ein schönes Fotomotiv. Ein Priel ist nicht einfach eine Wasserfläche. Und die scheinbar endlose Weite des Watts ist keineswegs leer.
Das ist für mich der eigentliche Wert einer geführten Wattwanderung: Sie verändert den Blick auf eine Landschaft.
Birgitt von Thülen vermittelt dieses Wissen mit großer Sachkenntnis und einer spürbaren Begeisterung für das Gebiet. Sie erklärt, ohne die Landschaft mit Informationen zu überladen, und macht Zusammenhänge sichtbar, die man allein wahrscheinlich übersehen würde. Die Wattwanderungen der Familie von Thülen sind entsprechend nicht nur als klassische Wattwanderungen angelegt, sondern auch als thematische Führungen, bei denen Gezeiten, Biologie und besondere Orte im Watt eine Rolle spielen.
Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einem schönen Reisefoto und einer guten Reisegeschichte.
Ein Foto kann zeigen, wie das Watt aussieht.
Guter Reisejournalismus versucht zusätzlich zu erklären, was man eigentlich vor sich hat.
Mein Fazit: Das Watt ist kein Spazierweg
Nach zwei Stunden im Watt weiß ich jedenfalls: Ebbe und Flut sind nur der Anfang.
Man lernt etwas über Gezeiten und Mond, über Priele und Schlick, über Muscheln, Austern und die erstaunliche Anpassungsfähigkeit der Lebewesen im Watt. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie sich Küstenlandschaften verändern – und warum der Mensch dabei längst Teil dieser Geschichte ist.
Und man lernt ganz nebenbei, dass Gummistiefel nicht automatisch trocken bleiben und eine Kamera im Schlick nichts verloren hat.
Meine Kamera hat es überlebt.
Die Gummistiefel auch.
Das Fleece wird vermutlich noch eine Weile an diese Wattwanderung denken.
Informationen zur Wattwanderung in Tossens
Die Wattwanderungen der Familie von Thülen starten in Tossens. Die staatlich geprüften Wattführer bieten unterschiedliche Touren und Themen an. Dazu gehören unter anderem Familien- und Gezeitenwanderungen sowie Touren zu besonderen Orten im Watt. Informationen zu aktuellen Terminen und Angeboten stellt der Tourismus-Service Butjadingen bereit.







