Micha’s Räucherfisch

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Micha’s Räucherfisch in Fedderwardersiel: Wo Fischbrötchen noch Handarbeit sind

Wenn ich an der Nordsee bin, will ich Fisch essen. Das gehört für mich genauso dazu wie Watt, Wind und Möwen, die grundsätzlich der Meinung sind, dass mein Essen eigentlich ihnen gehört. Für meine Butjadingen-Serie bekam ich deshalb einen ziemlich eindeutigen Tipp: Micha’s Räucherfisch in Fedderwardersiel.
Gesagt, getan. Schon von Weitem war klar, dass ich mit diesem Tipp nicht allein war. Vor dem Stand hatte sich eine lange Schlange gebildet. Ein ziemlich analoges Bewertungssystem: Menschen stehen freiwillig an, obwohl sie wissen, dass sie dafür warten müssen.
Den Stand am Hafen zu finden, war also kein Problem. Schwieriger war zunächst, den Mann zu erwischen, dessen Name über dem Geschäft steht. Michael Schiller war gerade auf dem Sprung. Glücklicherweise hatte er es dann doch nicht ganz so eilig und nahm sich Zeit für meine vielen Fragen.
Und je länger wir sprachen, desto deutlicher wurde: Was hier für den Kunden ziemlich unkompliziert aussieht – Fisch aussuchen, bestellen, essen – ist das Ergebnis von viel Arbeit, Erfahrung und einigen Jahren Aufbauarbeit. Der Tourismus-Service Butjadingen führt Micha’s Räucherfisch offiziell als gastronomischen Betrieb in Fedderwardersiel. Angeboten werden unter anderem frisch zubereiteter Backfisch, Räucherfisch und Fischbrötchen. 
Auch der NDR hat den Betrieb inzwischen mehrfach aufgegriffen. 2024 berichtete „Hallo Niedersachsen“ über Michael Schiller und seine Arbeit. 2026 widmete sich die „Nordreportage: Fritten, Fische, frische Brise“ erneut dem Fischimbiss während der Hochsaison.

Bild am Wagen
Schlange vor dem Fischstand

Vom Flugzeugbau zum Fisch

Micha kommt ursprünglich aus einem völlig anderen Beruf. Er hat Flugzeugbauer gelernt und irgendwann den Sprung in die Fischbranche gewagt. Seine Leidenschaft für Fisch hatte er allerdings schon vorher: Angeln gehörte immer zu seinen Interessen. 2009 begann er mit dem Räuchern von Aalen.
Aus den ersten Anfängen entwickelte sich nach und nach ein professioneller Betrieb. In den ersten Jahren floss nach seinen Angaben praktisch jeder verdiente Euro wieder ins Unternehmen – in Kühltechnik, Verkaufswagen, Theke und weitere Ausstattung. Heute steht hinter Micha’s Räucherfisch ein gewachsener Betrieb mit Mitarbeitern und einem festen Kundenstamm.

Ein Räucherofen aus eigener Konstruktion

Besonders interessiert hat mich der Räucherofen. Das gute Stück sieht aus, als müsste man mindestens zwei kräftige Männer bestellen, um es überhaupt zu bewegen. Tatsächlich besteht es aus Aluminium und wurde von Micha selbst gebaut. Der Ofen hat nach seinen Angaben Bestandsschutz und ist bis heute Teil des täglichen Betriebs.
Das passt zu Micha’s Geschichte: Vieles ist nicht einfach fertig gekauft und hingestellt worden, sondern über Jahre entstanden, ausprobiert und weiterentwickelt worden. Beim Räuchern kommt es schließlich nicht nur auf einen guten Fisch an. Temperatur, Zeit, Vorbereitung und Erfahrung bestimmen das Ergebnis.

Eigenbau Räucherofen aus Aluminium
Leckerer Räucherlachs

Backfisch frisch auf Bestellung

Dann kam mein praktischer Teil der Recherche: Backfisch. Bei Micha wird das Seehechtfilet frisch durch den Backteig gezogen und anschließend ausgebacken. Die offizielle Tourismusseite von Butjadingen beschreibt ebenfalls die frische Zubereitung vor Ort.
Ich hatte zunächst vermutet, dass die Erklärung für den vergleichsweise wenig fettigen Backfisch ganz einfach sei: Der Teig bildet beim Ausbacken eine Kruste, die verhindert, dass immer mehr Fett in den Fisch gelangt. Ganz so simpel ist es allerdings nicht. Beim Frittieren verdampft Wasser aus dem Lebensmittel, gleichzeitig kann Öl in die äußeren Strukturen gelangen. Die entstehende Kruste beeinflusst die Ölaufnahme, verhindert sie aber nicht vollständig.
Kurz gesagt: Mein Backfisch war natürlich nicht fettfrei – aber er war auch nicht das, was man manchmal als fetttriefenden Fisch erlebt. Vor allem wurde er frisch für mich zubereitet und nicht bereits fertig frittiert warmgehalten. Das macht beim Essen einen Unterschied.

Backfisch-Brötchen mit selbstgemachtem Dressings
Backfisch-Brötchen mit selbstgemachten Dressings
Micha 2

Räucherlachs mit einer ziemlich scharfen Idee

Natürlich blieb es nicht beim Backfisch. Ich durfte Räucherlachs Natur und Räucherlachs mit scharfer Jalapeño-Soße probieren. Micha erzählt, dass er lange ausprobiert hat, bis seine Produkte so schmeckten, wie er sie haben wollte.
Mein persönlicher Favorit war ziemlich eindeutig die Jalapeño-Variante. Die Schärfe gibt dem Räucherlachs einen zusätzlichen Akzent, ohne den Fisch völlig zu überdecken. Genau solche Kombinationen sind es, bei denen man merkt, dass jemand nicht einfach irgendeine fertige Soße zum Produkt stellt, sondern sich Gedanken über den Geschmack macht.
Micha’s Grundsatz ist dabei bemerkenswert einfach: Er verkauft nur, was ihm selbst schmeckt. Das klingt selbstverständlich, ist aber ein ziemlich guter Maßstab für ein Lebensmittelgeschäft.

Erst die Einheimischen, dann die Urlauber

Besonders interessant fand ich einen Gedanken, den Micha mir mitgegeben hat: Zuerst müsse man die Einheimischen überzeugen. Wenn die wiederkommen und ihre Gäste mitbringen, sei man auf einem guten Weg.
Für einen Saisonbetrieb an der Nordseeküste ist das mehr als ein hübscher Spruch. Touristen kommen und gehen, Stammkunden bleiben. Wer dauerhaft bestehen will, braucht deshalb nicht nur Menschen, die im Urlaub einmal ein Fischbrötchen kaufen, sondern Kunden aus der Region, die wiederkommen und den Betrieb weiterempfehlen.
Vielleicht erklärt genau das auch die Schlange vor dem Stand. Sie besteht schließlich nicht nur aus neugierigen Urlaubern.

Ein Saisonbetrieb ist kein Nebenjob

Was man als Kunde leicht unterschätzt: Ein Fischstand am Nordseehafen ist kein gemütlicher Nebenjob mit ein bisschen Sommerbetrieb. Micha erzählte mir von einem enormen Arbeitsaufwand während der Saison und davon, wie viel Geld und Arbeit in den Aufbau des Betriebs geflossen sind.
Der NDR zeigte 2026 ebenfalls, wie arbeitsintensiv die Hochsaison bei Micha’s Räucherfisch ist. Wenn viele Gäste gleichzeitig Fisch möchten, müssen Einkauf, Vorbereitung, Räuchern, Zubereitung und Verkauf funktionieren – und zwar möglichst ohne Abstriche bei der Qualität.
Und dann gibt es noch einen Faktor, der in vielen Geschichten über Selbstständigkeit gerne vergessen wird: die Familie. Micha sagt selbst, dass ein solcher Betrieb auf Dauer nicht funktioniert, wenn man gegen die eigene Familie arbeitet. Auf die Unterstützung seiner Frau kann er sich verlassen.

Pia und Micha
Tschüss und alles Gute!

Fisch für die Heimreise

Zum Abschied bekam ich von Micha noch eine ziemlich großzügige Portion Fisch für die Heimreise. Damit war mein Besuch in Fedderwardersiel endgültig zur kulinarischen Recherche geworden.
Und tatsächlich: Auch zu Hause schmeckte der Fisch noch nach Nordsee. Vielleicht ist das überhaupt ein ziemlich gutes Qualitätskriterium für ein Fischgeschäft am Meer. Wenn der letzte Bissen Tage später noch Erinnerungen an Hafen, Wind und Watt auslöst, hat jemand offenbar einiges richtig gemacht.
Micha’s Räucherfisch ist jedenfalls kein Ort, an dem ich nur schnell ein Fischbrötchen gegessen habe. Ich habe einen kleinen Einblick in einen Betrieb bekommen, bei dem Handwerk, Produkt und persönliche Haltung eng miteinander verbunden sind.
Und ich habe gelernt, dass hinter einem scheinbar simplen Fischbrötchen ziemlich viel Arbeit stecken kann. Das nächste Mal stelle ich mich einfach gleich an. Ich weiß ja jetzt, was mich erwartet.

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