Fotografie im Zeitalter der KI

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Julian A. Kramer

Inhalt

Fotografie im Zeitalter der KI

Vertrauen, Urheberschaft und neue Transparenz in der Leica Welt Wetzlar
Leica Welt Wetzlar, 20. Februar 2026. Ein voll besetzter Saal, gespannte Erwartung, intensive Diskussionen bis in den späten Abend hinein. Der Vortrag „Fotografie im Zeitalter der KI“ mit Julian A. Kramer brachte genau das auf die Bühne, was die Branche derzeit bewegt: die Frage nach Vertrauen im digitalen Bild.
Eingeladen hatte Adobe in Kooperation mit Leica Camera AG. Veranstaltungsort war die Leica Welt Wetzlar, jener architektonisch markante Komplex, der Unternehmenszentrale, Museum, Galerie, Akademie und Treffpunkt der internationalen Fotoszene zugleich ist.
Der Abend war mehr als ein Technik-Update. Er war eine kulturphilosophische Standortbestimmung.

Zwischen Kamera und Code

Mit der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz hat sich die Fotografie grundlegend verändert. Realistisch wirkende Bildwelten lassen sich heute generieren, ohne dass es je ein reales Motiv gegeben hat. Authentizität wird damit zur zentralen Frage.
Julian Kramer vereint zwei Perspektiven, die selten so konsequent zusammengedacht werden. Er arbeitet als Fotograf mit hybriden Bildrealitäten und ist zugleich Tech-Executive bei Adobe. Kunst und Technologie stehen bei ihm nicht im Widerspruch, sondern im Dialog.
Gleich zu Beginn formulierte er mit einem Augenzwinkern einen Satz, der viel über seine Haltung verrät: „Ich bin Perfektionist – auch bei Fehlern; die mache ich dann richtig.“
Seine fotografische Biografie ist geprägt von einer familiären Tradition. Schon Großvater und Vater fotografierten. Jahrzehnte nach dem Tod des Großvaters entdeckte Kramer dessen Dias wieder. Eine Begegnung mit Bildern, deren Geschichten er nicht mehr erfragen konnte. Vielleicht liegt darin sein besonderes Gespür für fotografische Verantwortung.

Bilder, die mehr fragen als antworten

Kramer inszeniert nicht. Er sammelt. Er beobachtet. Er interessiert sich für Serien, für Zusammenhänge, für Wiederholungen. Autoporträts spielen dabei ebenso eine Rolle wie konzeptionelle Reihen. Ihn faszinieren Bilder, die Fragen offenlassen.
Gerade deshalb wiegt das Thema KI schwer. Wenn Bildgenerierung zur Routine wird, erschüttert das das Vertrauen in die Wahrhaftigkeit digitaler Fotografie. Dokumentation und Manipulation beginnen zu verschwimmen.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob KI genutzt wird. Sie lautet, wie transparent ihr Einsatz ist.

Content Credentials als Vertrauenssignal

Im Zentrum des Vortrags standen sogenannte Content Credentials. Dabei handelt es sich um digitale Herkunftsnachweise, die direkt in den Metadaten einer Bilddatei gespeichert werden. Sie dokumentieren, unter welchen Bedingungen ein Bild entstanden ist, welche Bearbeitungsschritte vorgenommen wurden und welche Werkzeuge zum Einsatz kamen.
Ziel ist es, eine nachvollziehbare Informationskette zu schaffen. Eine Art digitaler Herkunftsnachweis für Bilder.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Leica M11-P. Sie war 2023 die weltweit erste Kamera, die Content Credentials bereits beim Auslösen in die Datei integriert. Julian Kramer war als Teil des Adobe-Teams an dieser Entwicklung beteiligt.
Technologische Transparenz wird damit nicht als Einschränkung künstlerischer Freiheit verstanden, sondern als Erweiterung. Offenheit wird zum Qualitätsmerkmal.

Die Kette der Vertrauenssignale

Vertrauen entsteht nicht durch ein einzelnes Feature, sondern durch eine Struktur. Kramer sprach von einer Kette an Vertrauenssignalen. Dazu zählen kryptografische Chips in Kameras, die die Faktizität eines Bildes dokumentieren, ebenso wie unsichtbare Wasserzeichen zur Durchsetzung von Urheberrechten.
Solche Mechanismen sollen Manipulation nicht verhindern, sondern sichtbar machen. Fake-Bilder müssen erkennbar sein. Nur dann bleibt Fotografie als dokumentarisches Medium glaubwürdig.
Doch Technik allein reicht nicht aus.

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Ethik als Fundament

Neben allen technologischen Innovationen betonte Kramer die ethische Dimension. Jede Fotografin, jeder Fotograf trägt Verantwortung. Die Frage nach Wahrhaftigkeit ist keine rein technische, sondern eine moralische.
In einer Zeit, in der KI realistische Szenen erschaffen kann, die nie existiert haben, wird das fotografische Gewissen zum entscheidenden Faktor. Transparenz, Urheberschaft und Integrität bilden die Basis einer zukunftsfähigen Bildkultur.

Diskussion auf Augenhöhe

Der Vortrag war ausgesprochen gut besucht. Das Interesse war enorm. Die anschließende Fragerunde zeigte, wie sehr das Thema die Community bewegt. Bei einem Glas Wein wurde weiterdiskutiert, argumentiert, reflektiert.
Es ging um Praxis, um Recht, um Kunst und um Vertrauen. Vor allem aber ging es um die Zukunft eines Mediums, das seit jeher zwischen Realität und Interpretation oszilliert.

Fotografie im digitalen Zeitalter neu denken

Die Fotografie steht nicht vor ihrem Ende. Sie steht vor einer Transformation. KI ist kein Gegner der Kamera, sondern ein Werkzeug. Entscheidend ist, wie bewusst es eingesetzt wird.
Der Abend in Wetzlar machte deutlich, dass Transparenz und künstlerische Freiheit sich nicht ausschließen. Im Gegenteil. Sie können einander stärken.
Die Fotografie bleibt relevant. Vielleicht sogar mehr denn je.

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