Dietmar Roller: Der Blick der Würde

Elektroschrott-Sammler in Ghana
Elektroschrott-Sammler in Ghana

Inhalt

Der Blick der Würde

Der Abend in der Leica Galerie Wetzlar begann nicht mit Worten, sondern mit bewegten Bildern. Ein Filmeinspieler eröffnete den Vortrag von Dietmar Roller und setzte den Ton für das, was folgen sollte: eine Auseinandersetzung mit Fotografie, Verantwortung und der Frage, wie Nähe entstehen kann, ohne zu verletzen.
Roller, Fotograf und Menschenrechtsexperte von International Justice Mission Deutschland, sprach vor einem gut besuchten Haus. Früh fiel ein Satz, der wie ein innerer Leitfaden über dem gesamten Abend stand: Er wolle „kein Elend vor der Kamera zeigen, sondern Würde“. Es war kein programmatisches Statement, sondern eine Haltung, die sich durch seine Ausführungen zog.

Arbeiterin aus einer Ziegelei in Indien, 2024 c
Arbeiterin aus einer Ziegelei in Indien, 2024

Anwalt der Freiheit

Für Roller bedeutet die Arbeit von IJM, Anwalt der Freiheit zu sein. Gemeint ist damit nicht Symbolik, sondern konkrete, oft mühsame Arbeit für Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben und kaum Zugang zu Schutz oder Recht haben. Er machte deutlich, dass entwicklungspolitisches Engagement dort an Grenzen stößt, wo strukturelle Gewalt nicht benannt wird. Einen Brunnen zu bauen könne helfen, sagte er sinngemäß, reiche aber nicht aus, wenn Menschen gleichzeitig rechtlos bleiben.
Der Zugang zum Rechtssystem sei in vielen Regionen der entscheidende Hebel. Deshalb sei juristische Arbeit ein zentraler Bestandteil der Menschenrechtsarbeit von IJM. Freiheit beginne dort, wo Menschen gehört werden und wo Verbrechen nicht folgenlos bleiben.

Gerechtigkeit als Verantwortung

Auf die Frage aus dem Publikum, was Gerechtigkeit für ihn bedeute, antwortete Roller nachdenklich. Gerechtigkeit sei zunächst ein sehr privates Gefühl. Gleichzeitig dürfe sie nicht beim eigenen Empfinden enden. Verantwortung füreinander zu übernehmen, Solidarität zu leben und Schweigen zu brechen seien Voraussetzungen dafür, dass Werte entstehen, die die Welt „heiler“ machen können.
Diese Sätze wirkten nicht abstrakt. Sie waren sichtbar getragen von Erfahrungen, die Roller in seine Arbeit eingeschrieben haben.

Goldwäsche in Äthopien, 2024
Goldwäsche in Äthopien, 2024

Bilder, die Nähe zulassen

Fotografien, so Roller, machen die Welt begreifbar. Sie eröffnen einen Raum, in dem Empathie entstehen kann. Seine Bilder erzählen nicht nur von Not, sondern von Resilienz, von Würde und von der inneren Stärke der Menschen, die unsere Solidarität brauchen. Wenn für sie kleine Träume Wirklichkeit werden, sei das oft der Beginn eines selbstbestimmten Lebens.
Bemerkenswert war seine Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Armut. Äußere Armut, so Roller, sei nicht zwangsläufig mit innerer Armut verbunden. Diese Differenzierung verlieh seinen Bildern eine zusätzliche Tiefe, weil sie gängigen Vereinfachungen widerspricht.
Mehrfach betonte er, dass Bilder das seien, was Menschen wirklich berührt. Sie seien der Schlüssel zu Nähe und Mitgefühl. Doch diese Wirkung verpflichte. Die ethische Klarheit müsse immer vor dem Fotografieren mit den Menschen besprochen werden. Menschen seien keine Objekte, sondern müssten in Würde wahrgenommen werden.

Die Grenze des Zeigbaren

Fotografie habe viel mit Haltung zu tun, sagte Roller. Es gebe eine Grenze dessen, was man fotografieren solle und was nicht. Den Blick der Würde müsse man sich immer bewahren. Gerade in einer Welt, in der Bilder oft oberflächlich oder touristisch konsumiert werden, sei es notwendig, tiefer zu schauen und zu verstehen, welche Geschichte tatsächlich hinter einer Situation stehe.
In einem besonders stillen Moment des Abends sprach Roller über sexuelle Gewalt an Kindern, unter anderem über den Missbrauch eines zwei Monate alten Babys auf den Philippinen. Seine Stimme stockte, Tränen traten ihm in die Augen. Es war ein Moment, der die professionelle Distanz durchbrach, ohne sie aufzugeben.
Sein Wunsch sei, dass Kinderrechte nicht nur auf dem Papier existieren, sondern real umgesetzt werden.

Kobaltabbau im Kongo 4
Kobaltabbau im Kongo

Stimmen aus Kenia

Als Überraschungsgast meldete sich Janice Muchemi aus dem Projektbüro von IJM in Kenia zu Wort. Sie berichtete von der täglichen Arbeit vor Ort und den Schwerpunkten: moderne Sklaverei, Gewalt gegen Kinder und Frauen sowie polizeilicher Machtmissbrauch. Ihre Schilderungen ergänzten Rollers Perspektive um eine juristische und operative Ebene und machten deutlich, wie komplex und langwierig Veränderung sein kann.

Professionelle Distanz und menschliche Nähe

In der anschließenden Fragerunde appellierte Roller an das Publikum, beim Reisen genauer hinzusehen und sich nicht mit der Oberfläche zufriedenzugeben. Ein Satz blieb besonders haften: Die Arbeit gleiche der auf einer Kinderkrebsstation. Man brauche professionelle Distanz, sonst könne man nicht helfen.
Dieser Vergleich fasste den Abend eindringlich zusammen. Nähe ist notwendig, aber sie braucht Haltung. Bilder können berühren, aber sie verlangen Verantwortung. Und Würde ist kein ästhetisches Konzept, sondern ein ethisches Versprechen.

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