ROA

ROA – Der animalische Weltreisende der Urban Art: Von Gent über London bis zum Mural Harbor

Wenn du in London, Berlin, Hamburg oder im Mural Harbor in der Nähe von Linz durch bunte Gassen und Street-Art-Hotspots flanierst, fällt dir vielleicht sofort ein ganz besonderes Werk auf: riesige Tiere in monochromen Schwarz-Weiß-Farben, Katzen, Hasen, Vögel oder andere Kreaturen, die scheinbar aus dem Beton hervortreten und einen Moment der stillen Aufmerksamkeit erzwingen. Diese visuell kraftvollen, gleichzeitig poetisch roh wirkenden Wandbilder gehören fast sicher zu ROA, einem der international prägendsten Street-Art-Künstler unserer Zeit.
ROA ist ein Künstler, der sich von den klassischen Graffiti-Wurzeln zu einem globalen Urban-Art-Phänomen entwickelt hat. Seine Murals sind mehr als bloße Bilder: sie erzählen von Natur und Stadt, von Leben und Tod, von menschlicher Wahrnehmung und der latenten Präsenz von Tieren im urbanen Raum.

Von Gent in die Welt: Die Anfänge eines außergewöhnlichen Street-Art-Künstlers

ROA wurde um 1975 in Gent (Belgien) geboren – ein Geburtsort, der heute als Geburtsstätte einiger der innovativsten Urban Artists gilt. Sein richtiger Name wurde nie öffentlich bekannt, denn der Künstler arbeitet seit jeher unter diesem geheimnisvollen Pseudonym und hält seine Identität bewusst im Hintergrund.
Bereits als Jugendlicher zeigte er eine ungewöhnliche Faszination für Tiere, Skelette und anatomische Strukturen. Dieser frühe Einfluss manifestierte sich zunächst in Zeichnungen und in einem wachen Blick für das natürliche Leben – lange bevor ROA sich dem Graffiti-Milieu anschloss. Im Alter von etwa 13 Jahren entdeckte er Graffiti und begann, sich mit Spraydosen und Urban Art auseinanderzusetzen. Die amerikanische Hip-Hop- und Skate-Kultur der 1980er Jahre prägte ihn, doch schon früh entwickelte er einen eigenen Stil, der weit über klassische Tags oder Letter-Graffiti hinausging.
Seine ersten Arbeiten entstanden in verlassenen Industrieanlagen und auf Lagerhauswänden in Gent. Dort, wo viele Künstler noch pure Schriftzüge sprühten, begann ROA schon früh, Tiere als Themen der Urban Art zu erforschen – als Ausdruck urbaner Wildnis, als stille Erinnerung an das natürliche Leben inmitten der Stadt.
Was ROA schon früh auszeichnete, war nicht nur die Wahl seiner Motive, sondern auch die Technik: großformatige Murals, meist monochrom, mit einer beeindruckenden Detailgenauigkeit. Schon in seinen frühen Jahren verwendete er neben klassischer Sprühdose oft auch Pinsel und Acrylfarbe, um seinen visuellen Tierdarstellungen eine besondere Tiefe zu verleihen.

ROA - The Bat_Fledermaus (Schmalkalden)
ROA - The Bat_Fledermaus (Schmalkalden)

Die Tierwelt des Urbanen: Tiere als Spiegel des Lebens

Wenn du eines der typischen ROA-Murals siehst, wirken sie auf den ersten Blick wie überlebensgroße fotografische Darstellungen von Tieren. Doch bei näherer Betrachtung eröffnen sich tiefere Bedeutungsebenen: Die Tiere, die ROA malt, sind meist lokal in der jeweiligen Stadt oder Region beheimatet. Ob in London ein Iltis oder Dachs, in New York ein Rotkehlchen oder in Berlin ein Wildschwein – ROA wählt bewusst Tiere, die eine Verbindung zu ihrem Umfeld besitzen.
Diese Tiere erscheinen oft in schwarz-weiß, kombiniert mit einem unglaublichen Gestaltungsreichtum, der Fell, Gefieder und anatomische Details zeigt. In einigen seiner Murals integriert ROA sogar das Innere der Tiere, Knochen oder Organe – eine Darstellung, die gleichermaßen fasziniert wie verstört. Diese nicht selten konfrontativen Elemente lassen seine Arbeiten nicht nur als ästhetisch wirken, sondern als Statements über Leben, Natur, Tod und unser Verhältnis zur Umwelt.
ROA selbst hat einmal gesagt, dass er oft Tiere wählt, die typisch für eine Region sind, und dass diese Auswahl Teil seiner Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Ort und seiner Geschichte ist. Damit lenkt er unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf das Bild, sondern auch auf die Bedeutung von Natur im urbanen Kontext – auf das, was wir in unseren Städten vermeiden, verdrängen oder übersehen.

Kunst im urbanen Raum: Zwischen Wildnis und Beton

Was ROA von vielen anderen Urban Artists unterscheidet, ist die Art und Weise, wie er seine Werke in den öffentlichen Raum integriert. Seine Murals sind nicht nur groß, sie sind kontextuell gestaltet. Diese Tiere wirken, als hätten sie denselben urbanen Raum eingenommen wie Menschen: Sie ruhen auf Mauern, lugen um Hausecken, ragen über Straßenecken hinaus oder scheinen von den Fassaden in die Tiefe zu blicken.
Diese Art der Interaktion zwischen Tierdarstellung und urbanem Umfeld ist mehr als ein rein ästhetischer Trick: Sie schafft eine Brücke zwischen dem urbanen Lebensraum und der natürlichen Welt – eine Brücke, die oft übersehen wird, obwohl Tiere und Menschen schon immer koexistiert haben. Diese symbolische Verbindung ist ein zentrales Thema in ROAs Arbeiten: Sie fordert die Rezipienten auf, nicht nur zu sehen, sondern zu reflektieren.
Ein gutes Beispiel dafür sind ROAs Murals in London. An Orten wie Shoreditch oder Brick Lane findest du riesige Tierdarstellungen, die so detailreich und präsent sind, dass sie fast schon wie Zeitzeugen einer anderen Realität wirken: Tiere, die in den Betonlandschaften menschlicher Städte bestehen – als Mahnung, Erinnerung und Bild für das Verborgene, das im urbanen Alltag oft verdrängt wird.

ROA, Geteilter Steinbock - Mural Harbor Linz
ROA, Geteilter Steinbock - Mural Harbor Linz

London: Die Tierpracht zwischen Brick Lane, Hackney und Walthamstow

London gilt als eine der lebendigsten Street-Art-Metropolen der Welt, in der Werke von Banksy, Stik, Phlegm und vielen anderen großen Namen zu sehen sind – und eben auch von ROA. Seine großen Murals tauchen an verschiedenen urbanen Hotspots auf, vor allem in Shoreditch, Hackney und im Bereich von Brick Lane.
Ein legendäres Beispiel ist der große Vogel, den ROA 2010 an einem Gebäude nahe Hanbury Street und Brick Lane malte. Ursprünglich als ein herkömmlicher Reiher geplant, änderte ROA ihn zu einer Kranichdarstellung, nachdem er erfuhr, dass die Kraniche in der bengalischen Gemeinde dieser Gegend eine besondere symbolische Bedeutung besitzen. Dieses Bewusstsein für kulturellen Kontext und lokale Bedeutung hebt ROAs Arbeiten weit über bloße Street-Art-Dekor hinaus.
2011 rückte eine andere Arbeit von ihm in den Mittelpunkt einer öffentlichen Debatte: ein rund 3,5 Meter hoher Hase auf der Hackney Road. Die örtliche Stadtverwaltung wollte das Werk entfernen, doch nach einer Bürger- und Bewohnerinitiative wurde der Erhalt des Murals durchgesetzt – ein starkes Zeugnis dafür, wie emotional und politisch urbane Kunst heute wirken kann.
Weitere Beispiele wie der große Dachs in Walthamstow zeigen, wie ROA seine Tier-Motivik so einsetzt, dass sie den Alltag der Menschen direkt beeinflusst: Viele Bewohner betrachteten den Murals als Bereicherung ihres Stadtbildes und als unverzichtbaren Teil des lokalen Urban Art-Spektrums.

Roa - Kranich, Hanbury Street
Roa - Kranich, Hanbury Street

Internationale Präsenz: Überlappung von Stadt und Natur

ROAs Arbeiten sind heute auf allen Kontinenten zu finden. In Europa malte er in Städten wie Köln, Berlin und Málaga; in Nordamerika in Städten wie New York und Los Angeles; in Australien entstanden Werke in Perth und Melbourne; in Afrika war er beim Djerbahood-Projekt auf der tunesischen Insel Djerba aktiv.
In Berlin, etwa in der Oranienstraße, schuf er Nature Morte – ein Mural, das tote Tiere zeigt, die am Dach eines Gebäudes hängen. Dieses Werk, realisiert im Rahmen einer Ausstellung, ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für seine künstlerische Auseinandersetzung mit Leben, Tod und urbaner Wahrnehmung.
In New York wiederum brachte er seine charakteristischen Maus- und Vogelmotive in Stadtteile wie El Barrio ein – Murals, die Teil des MonumentArt Festival waren und die lokale Geschichte, Kultur und Imagination zelebrieren.
Diese globale Präsenz macht ROA zu einer zentralen Figur der internationalen Street-Art-Szene: Nicht nur als Maler extrem detailreicher Murals, sondern als jemand, der die Sprache der Urban Art über geographische und kulturelle Grenzen hinweg verständlich und relevant macht.

ROA - Nature Morte, Oranienstraße 2, Berlin
ROA - Nature Morte, Oranienstraße 2, Berlin

Die Ästhetik von Leben und Tod: Symbolik, Anatomie und Wirkung

Ein wiederkehrendes Thema in ROAs Werk ist die Darstellung von Leben und Tod – oft gleichzeitig. Manche seiner Murals zeigen Tiere im Zustand völliger Lebendigkeit, andere wiederum zeigen Skelette, Innereien oder Kadaver. Diese Darstellungen sind nicht nur brutale Effekte, sondern Teil einer ästhetischen und philosophischen Erzählung: Sie thematisieren Vergänglichkeit, Ökologie, die Beziehung zwischen Mensch und Tier und die Natur als integralen Bestandteil unserer gebauten Umwelt.
Diese Beschäftigung mit dem Inneren der Tiere – Knochen, Muskeln, Organe – ist ein Markenzeichen ROAs. Er verwendet bewusst oft nur Schwarz-, Weiß- und Grautöne, um eine visuelle Konzentration auf Form, Struktur und Details zu erzeugen. Diese monochrome Ästhetik verstärkt den Eindruck, dass es hier nicht nur um dekorative Bilder geht, sondern um eine Form von zeitgenössischer biologischer Illustration im öffentlichen Raum.
Durch diese Darstellung wird der Betrachter unmittelbar mit einem Spannungsverhältnis konfrontiert: Der äußere Anblick eines Tieres, das zugleich lebendig und tot erscheint, fordert unser Gefühl für Schönheit, Schmerz und Natur heraus. Auf diese Weise werden ROAs Mauern zu räumlichen Reflexionsflächen über das Verhältnis von Mensch, Tier und Stadt.

ROA - East London
ROA - East London

Zwischen Stadt, Natur und Erinnerung: Warum ROA wichtig ist

ROA ist mehr als ein Street-Art-Künstler, der beeindruckende Bilder malt. Er gehört zu jenen Künstlern, die Urban Art als reflektierende Kulturpraxis definieren: Er macht urbane Räume zu Orten, in denen wir nicht nur die Stadt, sondern auch unsere Beziehung zur Natur überdenken. Seine Murals sind weit entfernt von bloßer Dekoration – sie sind Foren des Sehens, Nachdenkens und Wahrnehmens.
In einer Zeit, in der Städte wachsen, wilde Tiere zurückgedrängt werden und Natur immer mehr privat und marginalisiert erscheint, fungieren ROAs Arbeiten als Botschafter der Verbindung von Natur und Stadt. Sie erinnern daran, dass die Stadt nicht nur ein Raum künstlicher Strukturen ist, sondern ein Lebensraum, der historisch, biologisch und symbolisch von tierischen Realitäten durchdrungen ist.
Damit steht ROA in einer Tradition von Urban Artists, die nicht nur visuelle Statements setzen, sondern kulturelle und philosophische Fragen in den öffentlichen Raum verlagern. Seine Werke provozieren, bewegen und erzeugen Aufmerksamkeit – nicht nur für Street Art als Medium, sondern auch für das, was wir als „natürlich“ in einer künstlichen Umwelt verstehen.

ROA – Ein animalischer Poet der Urban Art

ROA ist ein Künstler, dessen Bilder mehr sind als bloße Murals. Sie sind visuelle Erzählungen, die von der städtischen Tierwelt, von Leben und Tod, von Präsenz und Erinnerung handeln. Seine Werke in London, Berlin, im Mural Harbor oder in anderen internationalen Städten zeigen nicht nur Tiere – sie zeigen unsere Beziehung zur Natur und zu uns selbst.
Indem ROA Tiere in den urbanen Raum holt, lädt er uns ein, genau hinzusehen: nicht nur auf die Oberfläche der Wand, sondern auf die tiefere Bedeutung dessen, was es heißt, im 21. Jahrhundert in einem Raum zu leben, zu atmen und vielleicht auch zu teilen – mit anderen Menschen, anderen Lebewesen und einer Welt, die oft im Hintergrund unseres Alltags verschwindet.
Seine Arbeiten sind deshalb nicht nur spektakuläre Bilder – sie sind vielleicht eine der klarsten Botschaften moderner Urban Art: dass Street Art nicht nur Kunst ist, sondern ein Spiegel unserer Wahrnehmung von Stadt, Natur und Kultur.

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