Margate

Margate: Zwischen viktorianischem Seebad, kulturellem Versprechen und ernüchternder Gegenwart

Ein Küstenort auf der Suche nach sich selbst

Margate liegt an der Nordküste von Kent, dort, wo die Themsemündung in die Nordsee übergeht. Von London aus ist der Ort in etwa anderthalb Stunden mit dem Zug erreichbar – eine Nähe, die in den vergangenen Jahren maßgeblich zu seinem neuen Image beigetragen hat. Medienberichte, Lifestyle-Magazine und Kulturseiten feiern Margate als wiederentdecktes Seebad, als kreatives Gegenmodell zur überteuerten Hauptstadt, als Ort zwischen Retro-Nostalgie und zeitgenössischer Kunstszene.Als ich im Herbst nach Margate reiste, war die Erwartungshaltung entsprechend hoch. Ich wollte ein „heimliches Brixton am Meer“ entdecken: Street Art, Galerien, ein vibrierendes kreatives Milieu, lange Strände und dieses schwer greifbare „besondere Flair“, das Orte auszeichnet, die sich gerade neu erfinden.
Was ich fand, war komplexer. Und widersprüchlicher.

Margate Strand 1
Margate am Abend 1

Margates Geschichte: Vom viktorianischen Traum zur langen Phase des Niedergangs

Um Margate zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. Der Ort war einer der ersten Badeorte Englands, lange bevor das Meer für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich wurde. Bereits im 18. Jahrhundert reisten wohlhabende Londoner hierher, um die gesundheitsfördernde Wirkung von Seeluft und Meerwasser zu genießen.
Im 19. Jahrhundert erlebte Margate seine Blütezeit. Die Eisenbahn machte den Ort leicht erreichbar, große Hotels, Pensionen und Vergnügungsangebote entstanden. Der Strand wurde zum sozialen Treffpunkt, Margate zum Inbegriff des viktorianischen Seebadurlaubs. Der 1920 eröffnete Vergnügungspark Dreamland wurde später zu einer Ikone britischer Freizeitkultur.
Doch wie viele klassische Badeorte begann Margates Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg. Billige Flugreisen machten Auslandsurlaube attraktiv, britische Küstenorte verloren an Bedeutung. Investitionen blieben aus, Gebäude verfielen, Arbeitsplätze verschwanden. Margate wurde zu einem Synonym für strukturellen Verfall – ein Ort, der lange von seiner Vergangenheit lebte, ohne eine klare Zukunftsvision zu entwickeln.

Dreamland Margate
Streetart Wand Margate

Die Wiederbelebung: Mediennarrative und reale Brüche

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich das Bild langsam gewandelt. Förderprogramme, private Investoren und kulturelle Initiativen versuchten, Margate neu zu positionieren. Besonders häufig wird die Turner Contemporary genannt, die 2011 eröffnete und dem Ort internationale Aufmerksamkeit verschaffte.
Margate wurde plötzlich als „cool“, „unkonventionell“ und „kreativ“ beschrieben. Vintage-Läden, Cafés, kleine Galerien – die typischen Marker urbaner Aufwertung – tauchten auf. Londoner zogen her, angelockt von niedrigeren Mieten, Meerblick und dem Versprechen eines entschleunigten Lebens.
Doch zwischen diesem Narrativ und der Realität klafft noch immer eine deutliche Lücke.

Turner Contemporary

Das Turner Contemporary ist ein im April 2011 eröffnetes, neu gebautes Kunstmuseum in Margate, Kent, England. Sein Name bezieht sich auf den englischen Maler J. M. W. Turner, der in Margate zur Schule ging und die Stadt und die Themsemündung bis zu seinem Lebensende regelmäßig besuchte.

Der erste Eindruck: Ernüchterung statt Euphorie

Wer Margate heute besucht, trifft auf einen Ort, der sichtbar mit sich ringt. Viele viktorianische Gebäude sind heruntergewirtschaftet, Fassaden bröckeln, Leerstände prägen ganze Straßenzüge. Der oft zitierte „Retro-Charme“ wirkt weniger wie liebevolle Nostalgie und mehr wie eine beschönigende Umschreibung für jahrelangen Investitionsstau.
Das Meer ist da, der Strand weit und offen – keine Frage. Aber die Infrastruktur drumherum bleibt fragmentarisch. Zwischen einzelnen Cafés und Läden liegen große Distanzen, Wege wirken zufällig statt kuratiert. Margate fühlt sich nicht kompakt an, sondern auseinandergezogen.
Ironischerweise war eines der Highlights meiner Reise schlicht: Fish and Chips am Strand, gegessen mit Blick aufs Meer. Ehrlich, bodenständig, unprätentiös – und sinnbildlich für einen Ort, dessen stärkste Momente oft die einfachsten sind.

Pia mit Fish and Chip
Peter's Fish Factory
Peter's Fish Factory, 12 The Parade, Margate

Street Art in Margate: Projektbezogen statt organisch gewachsen

Ein wesentlicher Grund meiner Reise war die Street-Art-Szene. Margate wird immer wieder als aufstrebender Hotspot bezeichnet, als Ort, an dem urbane Kunst neue Räume findet. Die Realität ist differenzierter.
Ja, es gibt Murals. Ja, es gibt Street Art. Aber sie ist nicht organisch gewachsen, sondern größtenteils projektbasiert (z.B. Rise Up Residency) . Viele der Arbeiten entstanden im Rahmen kuratierter Programme, Festivals oder temporärer Initiativen. Sie sind über das Stadtgebiet verteilt, teils schwer zu finden und selten in einen größeren urbanen Kontext eingebettet.
Wer wie in London, Bristol oder Berlin eine dichte, sich ständig erneuernde Szene erwartet, wird enttäuscht.

Aufsehen erregte Margate als Banksy zum Valentinstag sein Kunstwerk „Valentine`s Day Mascara“, das eindrucksvoll häusliche Gewalt thematisiert,  in der Grovenor Place installierte. Das Kunstwerk wurde von der Stadt temporär entfernt und wird nun dauerhaft im „The WonderWorks“, einer Einrichtung von Hornby Hobbies, ausgestellt. Die Besichtigung kostet nichts……

Rise Up Residency - Projekt

Die Rise Up, Clean Up, Margate-Initiative arbeitete mit dem einheimischen renommierten Künstler Louis Masai zusammen, um Künstler, Handel und die lokale Community zusammenzubringen, um Margate plastikfrei zu machen.
Unter dem Namen ‚Rise Up Residency‘ kamen im Herbst 2022 (25. September – 2. Oktober) 17 zeitgenössische Künstler aus aller Welt nach Margate und Cliftonville, um mehrere Murals zu schaffen, die für den Schutz der Meere sensibilisieren und auf die durch Plastikmüll verursachten Probleme in und um unserer Ozeane hinweisen sollen. 

Mehr über jedes Mural, seine Künstler und den Ort erfahren Sie auf der Website zum Projekt.

Auswahl (12) Murals zum Schutz der Meere und Biodiversität

Die Suche nach Murals: Stadtspaziergang als Geduldsprobe

Um die Street Art in Margate zu entdecken, braucht es Zeit – und Ausdauer. Die Werke liegen weit auseinander, es gibt kaum Hinweise oder zusammenhängende Routen. Die Stadt wirkt nicht wie eine offene Galerie, sondern wie ein Flickenteppich aus einzelnen Interventionen.
Für Fotograf:innen ist das Herausforderung und Chance zugleich. Wer bereit ist, sich die Füße wund zu laufen, wird belohnt – nicht mit Masse, sondern mit einzelnen starken Motiven. Auch mir sind trotz aller Ernüchterung Bilder gelungen, die bleiben. Vielleicht gerade, weil sie nicht offensichtlich sind.

Kunstszene jenseits der Straße: Zwischen Hoffnung und Realität

Abseits der Street Art existiert in Margate eine kleine, ambitionierte Kunstszene. Galerien, Ateliers, Projekträume – oft initiiert von Zugezogenen, die dem Londoner Kunstbetrieb entkommen wollten. Die Turner Contemporary spielt dabei eine zentrale Rolle, fungiert als kultureller Leuchtturm und legitimer Anziehungspunkt.
Doch auch hier gilt: Die Szene ist fragil. Viele Projekte hängen von Fördergeldern ab, von persönlichem Engagement, von Idealismus. Nachhaltige Strukturen sind noch nicht flächendeckend etabliert. Margate befindet sich in einem Zwischenzustand – nicht mehr am Boden, aber auch noch nicht dort, wo es sein möchte.

Streetart Margate

Warum Londoner trotzdem kommen

Trotz aller Kritik ist es nachvollziehbar, warum Margate für viele Londoner attraktiv ist. Die Luft ist besser, das Meer vor der Tür, die Preise – noch – deutlich niedriger als in der Hauptstadt. Wer Freiraum sucht, findet ihn hier eher als in vielen anderen Teilen Südenglands.
Margate bietet Potenzial. Raum. Möglichkeiten. Aber Potenzial ist kein Zustand, sondern eine Aussicht.

Fazit: Margate als ehrlicher Ort im Werden

Margate ist kein Instagram-Märchen. Kein fertiges Kreativparadies. Kein durchgestylter Küstenhotspot. Es ist ein Ort mit Geschichte, Brüchen und offenen Fragen.
Vielleicht wird Margate eines Tages das, was heute so enthusiastisch angekündigt wird. Vielleicht auch nicht. Der Weg dahin ist jedenfalls länger, als viele Berichte suggerieren.

Wer Margate besucht, sollte mit offenen Augen kommen – und mit realistischen Erwartungen. Dann kann man hier etwas finden: keine perfekte Auszeit, aber ehrliche Eindrücke. Und manchmal ein sehr gutes Fish and Chips am Strand.

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