Wer kennt die freie Republik Užupis – und lohnt sich ein Besuch?
Wer in Vilnius unterwegs ist, überquert oft ganz beiläufig eine kleine Brücke über die Vilnia. Kaum jemand merkt in diesem Moment, dass er gerade eine Grenze passiert hat. Keine Schranke, kein Schild, kein Pathos. Und doch beginnt hier etwas Eigenes: die freie Republik Užupis.
- Wer kennt sie wirklich?
- Wer war schon dort – und was bleibt nach dem Besuch?
- Und vor allem: Ist Užupis mehr als ein gut erzählter Mythos?
Užupis in Vilnius: Ein Stadtteil, der aus der Zeit fiel
Užupis liegt geografisch nah an der Altstadt, mental aber weit davon entfernt. Nach dem Ende der Sowjetunion war das Viertel lange geprägt von Verfall, Armut und Abwanderung. Es galt als Randzone – nicht gefährlich, aber vergessen. Genau diese Mischung aus niedrigen Mieten, leerstehenden Häusern und fehlender Kontrolle machte Užupis in den 1990er-Jahren attraktiv für Menschen, die Raum suchten: Künstler, Studierende, Schriftsteller, Musiker.
Nicht aus Romantik, sondern aus Pragmatismus.
Die Republik Užupis: Ein Kunstprojekt mit ernstem Kern
1997 erklärten Bewohner und Kreative den Stadtteil symbolisch zur unabhängigen Republik. Keine politische Abspaltung, kein Proteststaat – sondern ein performativer Akt, ein kollektives Kunstprojekt. Užupis bekam eine Flagge, einen Präsidenten, einen Nationalfeiertag und eine Verfassung.
Diese Verfassung ist bis heute öffentlich zugänglich, auf Metalltafeln in dutzenden Sprachen montiert. Ihre Artikel sind schlicht, poetisch und überraschend ernsthaft. Sie sprechen von Würde, Freiheit, Verantwortung – und davon, dass ein Mensch Fehler machen darf.
Užupis definiert sich hier nicht als Gegenwelt, sondern als Denkraum.
Warum Užupis als Künstlerviertel gilt – und warum das stimmt
Užupis ist kein kuratiertes Kunstquartier. Es gibt keinen Masterplan, keine städtische Strategie, kein Branding. Kunst entstand hier, weil Raum verfügbar war und weil man sie ließ.
Ateliers entstanden in Wohnungen, Galerien in ehemaligen Werkstätten, Ausstellungen im öffentlichen Raum. Kunst und Alltag sind nicht getrennt. Genau das unterscheidet Užupis von vielen sogenannten Kreativvierteln Europas.
Bis heute gilt:
- Užupis ist kein Ort, an dem Kunst gezeigt wird.
- Užupis ist ein Ort, an dem gelebt, gedacht und ausprobiert wird.
Streetart in Užupis: Roh, widersprüchlich, ungeschönt
Wer Streetart in Užupis sucht, findet keine Hochglanzfassaden und keine durchinszenierten Murals. Stattdessen tauchen Arbeiten unvermittelt auf: an Mauern, Türen, Stromkästen, Hinterhöfen. Manche politisch, manche verspielt, manche unbequem.
Diese Streetart wirkt nicht dekorativ, sondern situativ. Sie kommentiert den Ort, seine Geschichte, seine Gegenwart. Gerade das macht sie fotografisch spannend – und unterscheidet sie klar von urbaner Kunst als touristischem Produkt.
Užupis lässt Streetart zu, ohne sie zu vereinnahmen.
Alltag in einer symbolischen Republik
Trotz aller Symbolik ist Užupis kein Freilichtmuseum. Menschen leben hier, arbeiten, gehen einkaufen, sitzen am Fluss. Cafés, kleine Läden und Galerien existieren nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu übertönen.
Der Fluss Vilnia wird zur informellen Grenze – und gleichzeitig zur Achse des Viertels. Hier verlangsamt sich die Stadt. Nicht künstlich, sondern spürbar.
Lohnt sich ein Besuch der freien Republik Užupis?
Ja – aber nicht für jede Erwartung.
Wer Sehenswürdigkeiten abhaken will, wird Užupis schnell „gesehen“ haben. Wer sich jedoch auf Orte einlässt, die nicht erklären, sondern fragen, findet hier etwas Seltenes: einen Stadtteil, der sich nicht vollständig aneignen lässt.
Užupis ist kein Versprechen. Es ist ein Angebot.
Und genau darin liegt seine Stärke.







