Architekturmeile an der Saône in Lyon

Cube Orange
Cube Orange

Inhalt

Architekturmeile an der Saône in Lyon: Stadtvision am Quai Rambaud

Zwischen Flussufer, ehemaligen Industriehallen und spektakulärer Gegenwartsarchitektur ist in Lyon ein Stadtquartier entstanden, das in Europa seinesgleichen sucht. Die Architekturmeile an der Saône im Viertel La Confluence steht für einen radikalen Wandel: Wo einst Lagerhäuser, Hafenbecken und Gleisanlagen dominierten, prägen heute experimentelle Wohnformen, innovative Bürogebäude und kulturelle Orte das Bild. Der Spaziergang entlang des Quai Rambaud ist damit weit mehr als ein architektonischer Rundgang. Er erzählt von einer Stadt, die sich neu erfindet.
Ich bin die Strecke vom nördlichen Beginn des Quartiers bis zur Spitze der Halbinsel zweimal abgelaufen – einmal im klaren Licht des Tages, einmal nachts, wenn sich die Fassaden im Wasser spiegeln und das Viertel eine beinahe filmische Atmosphäre annimmt. Beide Perspektiven offenbaren unterschiedliche Facetten dieses ambitionierten städtebaulichen Projekts.

Architekturmeile Lyon Text 1a

La Confluence: Vom Industriehafen zum Zukunftsquartier

La Confluence liegt südlich der Presqu’île, jener schmalen Landzunge zwischen Rhône und Saône, die das historische Herz Lyons bildet. Jahrzehntelang war das Gebiet am Zusammenfluss der beiden Flüsse ein funktionales Terrain aus Lagerflächen, Großmärkten und Industrieanlagen. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein. Die Stadt Lyon beschloss, das rund 150 Hektar große Areal schrittweise in ein gemischtes, nachhaltiges Quartier zu transformieren.
La Confluence gilt heute als eines der größten innerstädtischen Entwicklungsprojekte Europas. Der Masterplan verbindet Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit und setzt auf architektonische Vielfalt statt uniformer Bebauung. Internationale Büros erhielten Parzellen, um individuelle Lösungen zu entwickeln. So entstand entlang der Saône eine dichte Abfolge architektonischer Statements, die bewusst Kontraste sucht.

45, quai Rambaud - Umwandlung des alten Zollgebäudes in ein Kunsthaus
45, quai Rambaud - Umwandlung des alten Zollgebäudes in ein Kunsthaus
Pavillon 52 - entworfen von Rudy Ricciotti
Pavillon 52

Quai Rambaud: Die neue Uferpromenade

Der Quai Rambaud bildet das Rückgrat der Architekturmeile. Die einstige Hafenstraße wurde in eine großzügige Promenade verwandelt, die Fußgängern und Radfahrern vorbehalten ist. Breite Stege, Treppenanlagen und Sitzstufen öffnen das Quartier zur Saône. Das Wasser ist hier nicht bloß Kulisse, sondern integraler Bestandteil des Stadtraums.
Am Tag reflektieren Glas- und Metallfassaden das Licht, während sich die geometrischen Formen scharf gegen den Himmel abzeichnen. Nachts dagegen treten Linien und Kanten durch gezielte Beleuchtung hervor, Fensterflächen leuchten wie Raster und das Wasser verdoppelt die Architektur. Der Perspektivwechsel zwischen Tag und Nacht macht deutlich, wie sehr diese Gebäude auf Inszenierung angelegt sind.

Cube Verde 1
Cube Vert
Cube Verde 2
Cube Vert - Detail

Cube Orange und Cube Vert: Architektur als Skulptur

Zu den auffälligsten Bauwerken am Quai Rambaud gehören der Cube Orange und der Cube Vert, entworfen vom Pariser Büro Jakob + MacFarlane. Die beiden Bürogebäude wirken wie überdimensionale Würfel, die aus dem Stadtraum herausgeschnitten wurden. Große, scheinbar zufällige Öffnungen durchbrechen die Volumen und schaffen dramatische Durchblicke.
Der Cube Orange, 2010 fertiggestellt, zeigt sich in einem intensiven Rostorange. Seine Fassade besteht aus einer perforierten Metallhaut, die je nach Sonnenstand changiert. Die große, trichterförmige Öffnung, die diagonal durch das Gebäude geschnitten ist, wirkt wie ein architektonischer Einschnitt – als hätte jemand ein Stück aus dem Würfel herausgelöst. Der Cube Vert greift dieses Motiv auf, übersetzt es jedoch in ein leuchtendes Grün.
Beide Gebäude stehen exemplarisch für eine Architektur, die nicht primär harmonisieren, sondern provozieren will. Sie setzen bewusst einen Kontrast zur industriellen Vergangenheit des Ortes. Gleichzeitig reagieren sie auf die Lage am Fluss, indem sie Blickachsen freigeben und Transparenz schaffen. Besonders nachts entfalten die Kuben ihre Wirkung: Die perforierten Fassaden werden zu leuchtenden Hüllen, während die ausgeschnittenen Volumen dunkle Schattenräume bilden.

Cube Orange
Cube Orange
Cube Orange text 1
Cube Orange - Detail

Le Monolithe: Monumentalität in Aluminium

Wenige Schritte weiter erhebt sich Le Monolithe, ein Gebäudekomplex, der seinem Namen gerecht wird. Der langgestreckte Block wirkt aus der Ferne wie ein einziger massiver Körper. Tatsächlich handelt es sich um ein Ensemble, das von mehreren Architekturbüros geplant wurde, darunter das niederländische Büro MVRDV.
Die Fassade aus Aluminium verleiht dem Bau eine kühle, beinahe industrielle Anmutung. Je nach Licht wirkt sie silbrig, grau oder leicht bläulich. Horizontal verlaufende Linien strukturieren das Volumen und betonen seine Länge. Hinter der Hülle verbergen sich Wohnungen, Büros und Gewerbeflächen – eine programmatische Mischung, die für La Confluence typisch ist.
Le Monolithe steht für eine andere Haltung als die expressiven Kuben. Hier geht es weniger um spektakuläre Einschnitte als um die Kraft des Volumens. Der Baukörper definiert den Straßenraum klar und schafft gleichzeitig Innenhöfe, die als halböffentliche Zonen funktionieren. Nachts verwandelt sich der Block in ein leuchtendes Band, wenn sich in den zahlreichen Fenstern das Leben der Bewohner und Nutzer abzeichnet.

Le Monolithe 2
Le Monolithe - bei Nacht

La Sucrière: Industriearchitektur neu gelesen

Ein wichtiger Ankerpunkt der Architekturmeile ist La Sucrière. Das ehemalige Zuckerlager aus den 1930er Jahren wurde behutsam umgebaut und dient heute als Ausstellungszentrum für zeitgenössische Kunst. Im Gegensatz zu vielen Neubauten blieb hier die industrielle Struktur sichtbar: rohe Betonflächen, großzügige Hallen, funktionale Fensterreihen.
La Sucrière zeigt, dass Transformation nicht zwingend Abriss bedeutet. Die Umnutzung verleiht dem Gebäude eine zweite Identität, ohne seine Geschichte zu verleugnen. Besonders während der Biennale d’Art Contemporain wird das Haus zu einem kulturellen Magneten. Tagsüber wirkt es zurückhaltend und robust, nachts setzt die Beleuchtung Akzente, die die klare Geometrie betonen.
Im Kontext der hypermodernen Neubauten fungiert La Sucrière als Erinnerung an die industrielle Vergangenheit des Viertels. Sie schafft eine historische Tiefenschicht, die dem Quartier Glaubwürdigkeit verleiht.

La Sucrière Text 2
La Sucrière
La Sucrière Text 1

Ynfluences Square: Verdichtung und Nachhaltigkeit

Mit dem Ynfluences Square wurde in La Confluence ein Wohnensemble realisiert, das für seine dichte Bebauung und nachhaltige Konzeption bekannt ist. Unterschiedliche Baukörper gruppieren sich um gemeinschaftliche Höfe und Grünflächen. Die Fassaden variieren in Materialität und Farbigkeit, wodurch trotz hoher Dichte eine gewisse Individualität entsteht.
Das Projekt setzt auf Energieeffizienz, optimierte Grundrisse und gemeinschaftlich nutzbare Räume. Balkone, Loggien und Dachterrassen erweitern die privaten Wohnungen in den Außenraum. Im Zusammenspiel mit den Büro- und Kulturgebäuden entsteht so ein Quartier, das nicht monofunktional ist, sondern rund um die Uhr belebt bleibt.
Gerade in den Abendstunden zeigt sich, wie stark diese Durchmischung das Viertel prägt. Während in den Büros das Licht erlischt, treten die Wohnbereiche in den Vordergrund. Cafés und Restaurants entlang des Kais sorgen für zusätzliche Frequenz.

Das Musée des Confluences als Landmarke

Musée des Confluences-Text 1

An der Spitze der Halbinsel, dort wo Rhône und Saône zusammenfließen, erhebt sich das Musée des Confluences nach Plänen von Coop Himmelb(l)au. Das futuristisch anmutende Wissenschaftsmuseum gleicht einem gelandeten Raumschiff und bildet die weithin sichtbare Landmarke des Quartiers.
Im Rahmen dieses Artikels soll es nur erwähnt werden, da es im thauwald-journal einen eigenen, ausführlichen Beitrag verdient. Als architektonischer Schlusspunkt der Meile markiert es jedoch den Übergang vom linearen Spaziergang am Quai Rambaud zur offenen Flusslandschaft an der Confluence.

Stadtplanung zwischen Vision und Alltag

Die Architekturmeile an der Saône ist kein isoliertes Ensemble spektakulärer Einzelbauten. Sie ist Teil eines langfristig angelegten Transformationsprozesses. Die Entwicklungsgesellschaft hinter La Confluence setzte von Beginn an auf Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und soziale Mischung. Öffentliche Räume spielen eine zentrale Rolle: Plätze, Promenaden und Grünflächen strukturieren das Quartier.
Gleichzeitig ist La Confluence ein Experimentierfeld für neue Wohn- und Arbeitsformen. Flexible Grundrisse, Co-Working-Flächen und hybride Nutzungen reagieren auf veränderte Lebensrealitäten. Die Nähe zum Wasser wird bewusst inszeniert, ohne dabei den Hochwasserschutz zu vernachlässigen.
Kritiker bemängeln bisweilen eine gewisse Kühle oder Künstlichkeit des Quartiers. Tatsächlich wirkt La Confluence stellenweise wie ein Labor für zeitgenössische Architektur. Doch genau diese Radikalität macht den Reiz aus. Hier darf Architektur laut sein, Farbe bekennen und Grenzen austesten.

Tag und Nacht: Zwei Gesichter eines Viertels

Der Rundgang bei Tageslicht offenbart die Materialität der Gebäude. Metall, Glas, Beton und Aluminium treten klar hervor. Linien, Schnitte und Proportionen lassen sich analysieren. Die Architektur wirkt fast grafisch.
Nachts verschiebt sich der Fokus. Licht wird zum Gestaltungselement. Die perforierten Fassaden der Kuben beginnen zu glühen, Fensterreihen verwandeln Le Monolithe in ein horizontales Lichtband. Das Wasser der Saône reflektiert die Gebäude und erzeugt eine zweite, flirrende Ebene.
Für Fotografen bietet die Architekturmeile daher ideale Bedingungen. Lange Belichtungszeiten fangen die Spiegelungen ein, während tagsüber starke Kontraste und Schatten spannende Perspektiven ermöglichen. Der Wechsel zwischen beiden Stimmungen erzählt viel über die Inszenierungskraft moderner Architektur.

Praktische Hinweise für den Besuch

Die Anreise nach La Confluence ist unkompliziert. Mit der Tramlinie T1 gelangt man direkt zur Haltestelle Musée des Confluences. Von dort aus lässt sich die Architekturmeile bequem zu Fuß erschließen.
Ein Spaziergang entlang des Quai Rambaud empfiehlt sich in beide Richtungen, um unterschiedliche Blickwinkel zu entdecken. Wer eine zusätzliche Perspektive sucht, kann den Vaporetto nutzen, der die Presqu’île mit La Confluence verbindet. Vom Wasser aus erscheinen die Baukörper wie eine aufgereihte Galerie zeitgenössischer Architektur.

Fazit: La Confluence als urbanes Statement

Die Architekturmeile an der Saône in Lyon steht exemplarisch für den Mut, industrielle Brachen nicht nur funktional, sondern visionär zu transformieren. Cube Orange und Cube Vert setzen expressive Akzente, Le Monolithe definiert den Raum durch Monumentalität, La Sucrière bewahrt die industrielle Erinnerung, Ynfluences Square zeigt neue Wohnmodelle. Das Musée des Confluences bildet den ikonischen Abschluss.
La Confluence ist kein gewachsenes Viertel im klassischen Sinne. Es ist ein bewusst komponiertes Stadtfragment, das Fragen nach Urbanität, Nachhaltigkeit und architektonischer Identität stellt. Gerade deshalb lohnt sich der Spaziergang am Quai Rambaud – am besten zweimal: einmal im klaren Licht des Tages und einmal, wenn die Nacht die Fassaden in leuchtende Skulpturen verwandelt.

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