Begegnungen im Fokus: Ein Abend mit Andreas Jorns und seinem Bildband „UNSEEN“ in der Leica Welt Wetzlar
Die Veranstaltung in der Leica Welt begann mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit: einem Raum voller Menschen, die sich für Fotografie interessieren – nicht als Technik, sondern als Begegnung. Der Anlass war die Vorstellung des neuen Bildbandes „UNSEEN“ durch den Fotografen Andreas Jorns, der über zwei Stunden hinweg von seiner fotografischen Entwicklung erzählte.
Schon zu Beginn wurde deutlich, dass dieser Vortrag kein klassischer Technikabend werden würde. Jorns sprach offen über Fehler, Lernprozesse und die Erkenntnis, dass fotografische Qualität selten mit technischem Fortschritt allein zusammenhängt. Stattdessen rückte er den Menschen vor der Kamera in den Mittelpunkt.
Von Inszenierung zu Persönlichkeit
Ein zentrales Thema des Abends war die persönliche Entwicklung des Fotografen über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg. Jorns blickte kritisch auf seine frühen Arbeiten zurück und beschrieb, wie sehr er sich im Laufe der Jahre von technischer Perfektion hin zu emotionaler Authentizität bewegt hat.
Zu Beginn seiner fotografischen Laufbahn, so berichtete er, sei vieles stärker inszeniert gewesen. Aufwendige Beleuchtung, intensives Styling und umfangreiche Nachbearbeitung bestimmten das Bild. Rückblickend bezeichnete er diese Phase als wichtig, aber zugleich als notwendige Lernstrecke. Mit zunehmender Erfahrung verlagerte sich sein Fokus weg von ästhetischer Kontrolle hin zu persönlicher Nähe.
Heute, so wurde deutlich, versteht er Porträtfotografie vor allem als Begegnung. Emotionen und Persönlichkeit gewinnen gegenüber formaler Perfektion an Bedeutung. Diese Entwicklung ist in seinen aktuellen Arbeiten deutlich erkennbar.
Zeit als wichtigste Ressource der Porträtfotografie
Besonders eindrücklich war ein Vergleich, der während des Vortrags mehrfach aufgegriffen wurde. Porträtfotografie, so Jorns, sei wie das Backen einer Pizza. Die Zutaten seien bekannt und grundsätzlich leicht zu beschaffen. Entscheidend sei jedoch die Zeit, die ein gutes Ergebnis benötigt.
Diese Metapher verweist auf einen zentralen Aspekt fotografischer Arbeit: Vertrauen entsteht nicht im ersten Moment. Es entwickelt sich durch wiederholte Begegnungen, durch Gespräche und durch das ernsthafte Interesse am Gegenüber.
Die Bedeutung von Zeit zeigte sich auch in seiner Arbeitsweise. Menschen mehrfach zu treffen und sie in vertrauter Umgebung zu fotografieren, gehört für ihn zu den wichtigsten Voraussetzungen für authentische Bilder. Das gewohnte Umfeld ermöglicht Natürlichkeit und reduziert die Distanz zwischen Kamera und Person.
Bildergalerie
Ausgewählte Bilder vom Vortag mit freundlicher Genehmigung von Andreas Jorns
Der Mensch als Mittelpunkt des Bildes
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Frage, was einen Menschen vor der Kamera interessant macht. Dabei stellte Jorns klar, dass klassische Schönheitsideale für ihn eine untergeordnete Rolle spielen. Entscheidend sei nicht Perfektion, sondern Charakter.
Interessante Porträts entstehen seiner Auffassung nach dann, wenn Persönlichkeit sichtbar wird. Dabei spielt auch das Verhältnis zwischen Fremdbild und Eigenbild eine wichtige Rolle. Fotografie kann diese beiden Perspektiven miteinander in Beziehung setzen und neue Sichtweisen eröffnen.
Als Beobachterin und Fotografin war für mich besonders spannend, wie deutlich sich in seinen Arbeiten der Einfluss großer Vorbilder erkennen lässt. Die Nähe zu den Arbeiten von Peter Lindbergh wurde während des Vortrags ausdrücklich bestätigt und zeigte sich in der bewussten Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche.
Authentizität im digitalen Zeitalter
Ein weiterer Aspekt, der während des Abends angesprochen wurde, war die zunehmende Rolle digitaler Technologien und künstlicher Intelligenz in der Fotografie. Jorns äußerte die Überzeugung, dass gerade die wachsende Perfektion digitaler Bilder langfristig das Bedürfnis nach Authentizität verstärken könnte.
Der bewusste Einsatz von Unschärfe und künstlichem Korn gehört für ihn zu den gestalterischen Mitteln, mit denen sich ein organischer Eindruck erzeugen lässt. Diese Entscheidungen sind weniger technische Effekte als vielmehr Ausdruck einer gestalterischen Haltung.
Besonders beruhigend war für viele Anwesende ein Hinweis, der für Fotografierende von großer Bedeutung ist: Alte Bilder sollten nicht vorschnell gelöscht werden. Der eigene Blick verändert sich im Laufe der Jahre, und Fotografien, die einst übersehen wurden, können später neue Bedeutung gewinnen.
Begegnungen über den Vortrag hinaus
Nach dem offiziellen Teil verlagerte sich das Geschehen in das Foyer der Leica Welt. Bei kleiner Bewirtung entstanden Gespräche, Begegnungen und ein Austausch unter Fotografiebegeisterten. Diese informellen Momente gehören oft zu den wertvollsten Bestandteilen solcher Veranstaltungen.
Besonders eindrucksvoll war dabei auch die persönliche Atmosphäre. Neben dem Fotografen selbst war auch seine Frau anwesend, die ihn bei seinen Projekten begleitet und unterstützt. Diese Einblicke hinter die Kulissen verdeutlichten, wie sehr fotografische Arbeit oft ein gemeinschaftlicher Prozess ist.
Ein Abend, der zum Weiterdenken anregt
Rückblickend bleibt der Eindruck eines Abends, der weniger Antworten gab als vielmehr neue Fragen aufwarf. Was bedeutet Authentizität in einer zunehmend digitalisierten Bildwelt? Wie verändert sich der Blick auf eigene Arbeiten über die Jahre hinweg? Und wie lässt sich Vertrauen als Grundlage fotografischer Begegnungen bewusst gestalten?
Für mich als Fotografin war dieser Vortrag eine wertvolle Erinnerung daran, dass gute Porträts nicht allein durch Technik entstehen. Sie wachsen aus Zeit, Vertrauen und dem ehrlichen Interesse am Menschen.
Der Bildband „UNSEEN“ steht damit nicht nur für eine Sammlung von Fotografien, sondern für einen Entwicklungsprozess – einen Blick zurück, der zugleich nach vorn gerichtet ist.







