Blub – Die Renaissance der Straße in Florenz: Wie „L’Arte sa nuotare“ Kunstgeschichte untertauchen lässt
Wer aufmerksam durch die engen Gassen von Florenz, der historischen Stadt am Arno, streift und seinen Blick nicht nur auf die weltberühmten Kunstschätze des 15. und 16. Jahrhunderts richtet, wird zwischen den Renaissance-Palazzi, an Strom- und Gaszählern, kaum übersehbare kleine Kunstwerke entdecken: Porträts von Weltikonen und klassischen Meisterwerken, versehen mit markanten Taucherbrillen und Schnorcheln, oft auf blauem Hintergrund und mit einem charmanten Augenzwinkern präsentiert. Diese Arbeiten stammen von einem Künstler, der in den Straßen der toskanischen Metropole für eine stille, künstlerische Revolution sorgt – einem Künstler, der sich Blub nennt und dessen „L’Arte sa nuotare“ („Die Kunst weiß zu schwimmen“) seit Jahren Florenz‘ Urban-Art-Szene prägt.
Blubs Arbeiten sind so unverwechselbar wie rätselhaft: Sie kombinieren große Kunstgeschichte mit Street Art, setzen ikonische Figuren in einen neuen zeitgenössischen Kontext und verwandeln den öffentlichen Raum in ein offenes Museum unter freiem Himmel. In diesem Artikel erfährst du, liebe Pia, alles über diesen einzigartigen Florentiner Künstler, seine künstlerischen Motive, seine Technik, die Bedeutung seines ikonischen Stils und die Botschaft, die hinter diesen „untergetauchten“ Kunstwerken steckt.
Die Geburt einer Idee: Florenz, Wasser und die Kunst des Schwimmens
Blub ist ein anonymer Street-Art-Künstler aus Florenz, Italien, der in der Stadt immer wieder mit seinen ungewöhnlichen Arbeiten auftaucht – oder besser gesagt: untertaucht. Seit etwa 2013 realisiert er dort seine Serie “L’Arte sa nuotare”, was wörtlich „Kunst, die weiß, wie man schwimmt“ bedeutet.
Die Wurzeln seiner Idee liegen tief in der Tradition Florenz‘ als Zentrum der Renaissancekunst, kombiniert mit einem zeitgenössischen, urbanen Blick auf die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Blub entnimmt klassische Meisterwerke – von Botticelli bis Leonardo da Vinci und Michelangelo – und setzt sie in einen metaphorisch aufgeladenen Kontext: Die Figuren scheinen in einem Meer zu stehen, das symbolisch für die Herausforderungen des modernen Lebens steht, und tragen Taucherbrillen und Schnorchel, als würden sie lernen, in dieser „Unterwasserwelt“ zu bestehen.
Doch Blubs Werke sind mehr als nur spielerische Neuinterpretationen klassischer Kunst. Sie sind eine Einladung zur Reflexion, ein poetischer Kommentar auf die Fähigkeit der Kunst, in schwierigen Zeiten zu bestehen, zu überleben und die Menschen zu verbinden – ganz gleich, wie hoch „das Wasser bis zum Hals stehen mag“.
Was diese Arbeiten so außergewöhnlich macht, ist die Art und Weise, wie sie die visuelle Erinnerung an berühmte Kunstwerke und historische Persönlichkeiten mit zeitgenössischer Street Art verbinden, und sie gleichzeitig von der musealen Distanz in den Alltag der Menschen bringen. Hier, in den Straßen, sind diese ikonischen Figuren nicht mehr unbewegliche Objekte der Betrachtung – sie sind lebendig, sie blicken dich an, und sie „schwimmen“ metaphorisch durch unser gemeinsames kulturelles Gedächtnis.
Von der Piazza in die Gassen: Wie Blub die Straßen von Florenz erobert
Blubs Arbeiten sind meist als handgemachte Paste-Ups ausgeführt, die er an städtischen Strukturen wie Gas- oder Elektrokästen, Mauern, Türen oder einfach innerhalb der engen Gassen Florenz anbringt. Diese quadratischen Werke, in Blau-, Weiß- und Schwarztönen gehalten, zeigen berühmte Gesichter und Meisterwerke – von Botticellis Venus über Michelangelos David bis hin zu Porträts aus Film, Musik oder Literatur – alle vereint durch das wiederkehrende Motiv der Taucherbrille und der Illusion, unter Wasser zu sein.
In der Altstadt von Florenz, besonders im Oltrarno-Viertel, im historischen Zentrum und entlang der Wege, die zum Arno führen, stößt man immer wieder auf diese Werke – als wären sie versteckte Überraschungen, die dem Betrachter ein Schmunzeln, eine Erinnerung oder eine tiefere Erkenntnis schenken wollen.
Blub passt seine Werke oft sehr kontextsensibel an den Ort an: Die Wahl der Figuren und ihre Platzierung wirken, als würden sie eigenständig mit ihrer Umgebung sprechen. Eine kleine, klassische Darstellung kann sich an einem Gaszähler befinden, während ein anderes Motiv elegant über einen Türrahmen schwebt – und doch bleibt in jedem Fall die Botschaft der Kunst als lebendige, atmende Form präsent, die nicht nur im Museum, sondern mitten im Leben existiert.
Zwischen Renaissance und Gegenwart: Die Symbolik der Taucherbrille
Warum aber diese Taucherbrillen, warum dieser Wasserkontext? Blub erklärt selbst, dass das Wasser für ihn eine metaphorische Dimension hat. Wasser steht für Leben, Ursprung und das Unbewusste; es steht aber auch für Herausforderungen und die Fähigkeit, sich inmitten von Unsicherheit zu behaupten. Die Taucherbrille wird so zu einem Symbol für Fähigkeit, Wahrnehmung und Bewusstsein, sie ist ein Filter zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, zwischen dem Museum und der Straße, zwischen Geschichte und Gegenwart.
In einem Interview sagte Blub, dass er möchte, dass Menschen ihre eigene Interpretation darüber entwickeln, was diese Taucher-Ikonen bedeuten. Er selbst arbeite oft instinktiv, lasse Visionen in seinem Kopf entstehen und beginne erst dann mit der Arbeit, wenn er ein klares Bild vor Augen habe. Diese intuitive Herangehensweise lässt seine Kunstwerke wie spontane Gedanken wirken, die dennoch tief in kultureller Reflexion verwurzelt sind.
Diese symbolische Transformation der klassischen Ikonen ist mehr als bloßer Humor oder Street-Art-Spielerei. Sie ist ein zeitgenössisches Kommentar zur Überlebensfähigkeit von Kultur und Kunst in einer Zeit, die vielfach von Krise, Wandel und Unsicherheit geprägt ist. Blubs Botschaft scheint zu lauten: Kunst überdauert, Kunst schwimmt weiter – auch wenn die Welt um sie herum stürmt.
Visuelle Subversion: Klassik trifft Street Art
Blubs Urban-Art-Projekt ist dabei nicht nur ästhetisch überraschend, sondern auch kulturell subversiv. Indem er klassische Renaissance-Ikonen aus dem musealen Kontext löst und sie mit einem modernen Street-Art-Vokabular versieht, verschiebt er die traditionelle Hierarchie zwischen „hoher“ und „populärer“ Kunst. Die Mona Lisa, die Venus oder Dante Alighieri – Figuren, die normalerweise hinter Glas und Rahmen stehen – schauen dich hier im urbanen Raum direkt an, als wollten sie sagen: Hier sind wir, mitten im Leben.
Einige der dargestellten Figuren stammen nicht nur aus Kunstgeschichte, sondern auch aus modernen kulturellen Kontexten, etwa Musiker wie Freddie Mercury oder ikonische Persönlichkeiten wie Salvador Dalí. Dieses breite Spektrum an Motiven macht Blubs Werk nicht nur zu einer Hommage an die Kunstgeschichte, sondern auch zu einem Spiegel der globalen Kultur, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet.
Das anonyme Ich: Über Blubs Identität und künstlerische Position
Blub bleibt anonym. Über die Identität des Künstlers ist wenig bekannt, und genau diese Anonymität gehört zu seiner künstlerischen Praxis. Sie lenkt den Fokus nicht auf die Person hinter der Arbeit, sondern auf das, was die Kunst im öffentlichen Raum bewirkt. Seine Werke sollen direkt wirken – ohne den Umweg über eine persönliche Biografie oder einen Künstlernamen, der im Zentrum einer medialen Inszenierung steht.
Diese Entscheidung, anonym zu bleiben, ist eine bewusste künstlerische Haltung, die eng mit der Street-Art-Tradition verbunden ist: Kunst als gemeinschaftliches Erlebnis, unabhängig von der Person des Schöpfers. Dieses Prinzip erinnert an andere bekannte anonym agierende Street Artist*innen, die es vorziehen, im Schatten ihrer Werke zu agieren, um die Kunst selbst in den Vordergrund zu stellen.
Blubs Bedeutung für Florenz und darüber hinaus
Was macht Blub für die Stadt Florenz so wichtig? Die Stadt ist ein historischer Brennpunkt der Kunstgeschichte – Uffizien, David von Michelangelo, Botticellis Werke und unzählige weitere Meisterwerke ziehen jedes Jahr Millionen Besucher an. Doch Blub holt diese kulturellen Ikonen aus dem Museum heraus und zurück auf die Straße, in den Alltag der Menschen.
In einer Zeit, in der Street Art immer mehr als legitime Kunstrichtung anerkannt wird, schafft Blub einen Brückenschlag zwischen klassischer Kunstgeschichte und urbaner Gegenwartskultur. Er zeigt, dass Kunst nicht nur etwas ist, das bewahrt oder ausgestellt werden sollte, sondern etwas, das lebt, atmet, interagiert und mit Passant*innen kommuniziert – auf Augenhöhe, mitten im urbanen Gefüge.
Die Serie “L’Arte sa nuotare” hat darüber hinaus über Florenz hinaus Aufmerksamkeit erregt: Werke von Blub wurden nicht nur in anderen Städten der Toskana wie San Gimignano gesehen, sondern auch in Rom und weiteren italienischen Städten, wo Blub seine ikonischen, mit Taucherbrillen versehenen Figuren präsentiert hat.
Die Zukunft unter Wasser: Urban Art, Identität und kulturelle Transformation
Blub steht für eine künstlerische Haltung, die mutig ist, die Grenzen zwischen traditioneller Kunstgeschichte und zeitgenössischem urbanen Ausdruck aufzulösen und dadurch die Stadt als lebendigen Kunstort zu feiern. In Florenz fungieren seine Werke heute nicht nur als Überraschung am Straßenrand, sondern auch als Symbol für die Dynamik zwischen Geschichte, Kultur und Moderne.
Mit seiner Serie L’Arte sa nuotare zeigt Blub, dass Street Art weit mehr sein kann als einfache Dekoration: Sie kann eine Stimme sein, ein Kommentar, ein Spiegel unserer Zeit und ein Mittel, das kulturelle Erbe in einen Dialog mit der Gegenwart zu bringen. Seine charakteristischen, untergetauchten Renaissance-Figuren sind nicht nur künstlerische Statements, sondern auch poetische Botschaften darüber, wie Kunst uns helfen kann, Herausforderungen zu meistern und Sinn im Alltag zu finden.
Fazit: Blub – Die Kunst des Schwimmens in Florenz
Blub ist mehr als ein Street-Art-Künstler. Er ist ein Brückenbauer zwischen Epochen, ein Dichter der Straße, der klassische Kunstwerke neu interpretiert, sie unter Wasser setzt und damit symbolisch zeigt, dass Kunst immer weiterlebt, selbst wenn wir glauben, sie könnte untergehen. Seine Werke in Florenz sind lebendige Begegnungen mit Kunstgeschichte – spontan, überraschend, humorvoll und tiefgründig zugleich.
Während Touristen noch über Ponte Vecchio schlendern oder die Uffizien bewundern, kann ein Blick in die Gassen der Stadt eine ganz andere Seite von Florenz offenbaren: eine Stadt, in der Kunst überall ist – sogar dort, wo du sie am wenigsten erwartest, und immer mit einer Taucherbrille auf den Augen, bereit, zu schwimmen.





