Urbane Überraschung im Fachwerkidyll: Streetart in Schmalkalden
Wie eine Fachwerkstadt in Thüringen zur Leinwand von Weltkunst wird – und Besucherinnen ins Staunen bringt.*
Das thüringische Schmalkalden überrascht nicht nur durch gut erhaltene Fachwerkhäuser, mittelalterliche Gassen und kulturelle Tradition. Versteckt hinter jahrhundertealten Mauern und historischen Plätzen findet sich dort heute ein lebendig-farbenes, urbanes Kunst-Phänomen, das Besucher*innen wie mich beim ersten Spaziergang völlig unvorbereitet trifft: Streetart und Urban Art mitten im Herzen einer Kleinstadt, die man gemeinhin eher mit Fachwerkromantik als mit moderner Kunst assoziiert.
Was auf den ersten Blick wie zufällige Graffitis wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Monument einer künstlerischen Begegnung zwischen globaler Street-Art-Szene, lokaler Stadtgesellschaft und historisch bedeutenden Themen. Mit diesem Artikel nehme ich dich mit auf eine Reise hinter die Fassaden – in die Kunst, ihre Botschaften und die Geschichten, die Schmalkalden neu erzählen.
Vom Fachwerk zur Wandkunst: Wie Urban Art Schmalkalden veränderte
Schmalkalden, eine Stadt im Süden Thüringens mit knapp 20.000 Einwohnern, gilt seit Langem als kulturell und historisch reich. Die Altstadt mit verwinkelten Gassen, das Renaissance-Schloss Wilhelmsburg und Orte wie das Lutherhaus ziehen seit Jahren kulturell interessierte Besucher*innen an. Doch erst mit dem Urban Art Festival WALLCOME begann Schmalkalden, sein Stadtbild bewusst als Leinwand zu begreifen.
Im Jahr 2014 luden die lokalen Street-Art-Pioniere Akut und Case internationale Künstler*innen ein, um die Fassaden mehrerer Häuser mit großformatigen Murals zu gestalten. Das Ergebnis: acht beeindruckende Wandbilder, die seither wie eine offene Galerie durch die Altstadt führen.
Was diese Streetart-Szene von Schmalkalden so besonders macht, ist nicht nur ihre künstlerische Qualität, sondern auch ihre Verankerung in lokaler Identität und historischer Erinnerung – ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Fachwerkromantik und urbaner Ästhetik.
„The Revival“ – Hoffnung und Stärke an der Kothersgasse
Eines der markantesten Werke steht in der Kothersgasse, im ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt. Das großformatige Mural mit dem Titel „The Revival“ stammt von der israelischen Künstlerin Alin Mor.
Initiiert vom Kulturverein „Villa K“ e.V. und in Zusammenarbeit mit der Stadt Schmalkalden, entstanden anlässlich des Themenjahres 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und 900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen, Urban-Art-Kunstwerke. Hierfür werden international renommierte Künstler:innen eingeladen, um in Schmalkalden Murals zu gestalten, die die jüdische Geschichte Schmalkaldens als Ausgangspunkt nutzen, um Jung wie Alt für eine Kultur des Erinnerns zu sensibilisieren und die anregen sollen, über unser gesellschaftliches Zusammenleben nachzudenken.
LINK: Urban Art Schmalkalden
Das Werk vonn Alin Mor ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Streetart weit über reine Dekoration hinausgeht. In kräftigen, aber harmonischen Farben zeigt es symbolträchtige Elemente – etwa einen Leopard als Zeichen von Stärke und Überlebenswillen, eine Hand mit einem Auge als Symbol für Zukunftszuversicht und Reflexion. Die Farbwahl, bewusst ohne Alarmpigmente wie starkes Rot, soll eine positive Stimmung erzeugen und den Betrachter dazu anregen, über Wiederaufbau, Hoffnung und innere Stärke nachzudenken.
Alin Mor selbst beschreibt das Werk als visuelle Metapher für das „Auferstehen aus der Asche“ – ein universelles Bild für Überwindung, Kraft und Erneuerung. Gerade in einem Kontext, der an die jüdische Geschichte und an Zeiten des Verlusts erinnert, erhält dieses Mural eine zusätzliche, emotional aufgeladene Dimension.
Streetart als öffentlicher Gedächtnisraum
Es wäre zu einfach, die Streetart von Schmalkalden ausschließlich als ästhetisches Phänomen zu betrachten. Im Gegenteil: Viele Installationen verknüpfen bildliche Kraft mit Erinnerungskultur und gesellschaftlichen Fragestellungen.
So verbindet das Projekt „Offene Augen“ internationale Künstlerinnen und lokale Akteurinnen, um durch Kunst im öffentlichen Raum einen Diskurs über jüdische Geschichte und Erinnerung zu eröffnen. Ziel ist es, Jung und Alt für eine interkulturelle Kultur des Erinnerns zu sensibilisieren und Betrachterinnen zum Nachdenken über gesellschaftliches Zusammenleben anzuregen. In Veranstaltungen mit Musik, Film, Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Workshops wird Geschichte in lebendige Gegenwart übersetzt.
Ein besonders bewegendes Beispiel ist der Magda-Brown-Mural, realisiert von dem lokalen Street-Art-Künstler AKUT (Falk Lehmann). Dieses Wandbild zeigt das Porträt der Holocaust-Überlebenden Magda Brown, die – wie viele andere – eine der dunkelsten Zeiten der europäischen Geschichte überlebt hat. Durch die Platzierung dieses Porträts in einer zentralen Straße wird die Erinnerung an individuelle Schicksale direkt in den Alltag der Stadtgesellschaft geholt.
LINK: Urban Art Schmalkalden
Internationale Impulse und lokale Talente
Ein Blick auf die Künstlerinnenliste der Urban-Art-Szene Schmalkaldens zeigt, wie global vernetzt dieses kleine thüringische Städtchen ist. Neben dem internationalen Engagement wie bei Alin Mor haben lokale Größen wie Akut und Case (auch Case Ma’Claim) ihren Ursprung hier. Case, der als einer der renommiertesten deutschen Graffiti- und Urban-Art-Künstler gilt, begleitet die Szene seit Jahren und bringt Künstlerinnen und Techniken aus der globalen Street-Art-Community in seine Heimatstadt zurück.
Darüber hinaus bereicherten Künstler wie M-City mit seinen detailreichen, mechanisch-ästhetischen Murals das Stadtbild und schufen so eine Mischung aus abstrakter Kunst, technischer Virtuosität und urbaner Atmosphäre.
Auch internationale Künstler*innen wie Herakut, das deutsche Künstlerduo aus Jasmin Siddiqui und Falk Lehmann, trugen mit narrativen Arbeiten dazu bei, die Kunst in Schmalkalden zu einem Ort des Erzählens und Hinterfragens zu machen – etwa mit Werken, die Stereotype und Klischees kritisch beleuchten.
Street-Art-Tour Schmalkalden: Eine Entdeckungstour durch die Altstadt
Heute existiert ein lokaler Street-Art-Plan, der die Werke in Schmalkalden verzeichnet und Spaziergängerinnen als freien Kunstführer dient. Beim Bummel durch historische Gassen begegnen Besucherinnen plötzlich riesigen Tierdarstellungen, farbexplosiven abstrakten Kompositionen und Porträts, die Geschichten erzählen, die über die Stadt hinausweisen.
Diese ungewohnte Mischung aus historischer Substanz und zeitgenössischer urbaner Kunst macht den besonderen Reiz dieser Kunsttour aus. Die Streetart ist an verschiedenen Punkten verteilt: von der Kothersgasse über Seitenstraßen bis hin zu Marktplätzen. Wer sich auf Spurensuche begibt, findet nicht nur einzelne Bilder, sondern ein zusammenhängendes Netzwerk von visuellen Erzählungen, das die Stadt in ein offenes Museum verwandelt.
Urban Art als Motor für kulturelle Identität
Was Schmalkaldens Streetart-Szene besonders auszeichnet, ist nicht nur die künstlerische Vielfalt, sondern der integrative Ansatz, der hinter vielen Projekten steckt. Streetart dient hier nicht primär der Selbstinszenierung einzelner Künstler*innen, sondern dem gemeinschaftlichen Prozess des Erinnerns, Gestaltens und Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Projekte wie „Offene Augen“ zeigen, wie Kunst im öffentlichen Raum ein sozialer Katalysator werden kann – eine Plattform, auf der gesellschaftliche Themen wie Erinnerungskultur, kulturelle Offenheit und interkultureller Austausch sichtbar und erfahrbar werden.
Schmalkalden – Kleinstadt trifft globale Kunst
Die Streetart in Schmalkalden ist mehr als nur bunte Farbe an Hauswänden. Sie ist ein lebendiger, öffentlicher Raum der Begegnung zwischen Kunst, Geschichte und Gesellschaft. In einer Stadt, die oft auf Fachwerkromantik reduziert wird, eröffnet dieses urbane Kunstprojekt neue Perspektiven – für Einheimische und Besucher*innen gleichermaßen.
Wer heute durch Schmalkalden geht, erlebt nicht nur Geschichte im Stein, sondern Kunst im Jetzt: kraftvoll, nachdenklich, überraschend. Die Streetart hat der Stadt nicht nur farbige Akzente verliehen, sondern auch einen kulturellen Dialog in Gang gesetzt, der weit über Thüringen hinaus wirkt.





