Das Rothschild-Palais im Herzen Frankfurts ist mehr als nur ein historisches Gebäude: Es ist ein Ort, an dem Stadtgeschichte, kulturelles Erbe und moderne Museumspraxis auf beeindruckende Weise zusammenfinden. Seit der Wiedereröffnung 2020 beherbergt es die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt und macht jüdische Geschichte von der Emanzipation bis zur Gegenwart sichtbar – lebendig, interaktiv und überraschend persönlich.
Ein historischer Ort mit bürgerlichem Stil
Das Gebäude am Untermainkai 15 wurde 1820 im Stil des Klassizismus errichtet und später von Mayer Carl von Rothschild erworben und erweitert. Das Palais war Wohnsitz einer der einflussreichsten jüdischen Bankiersfamilien Europas – ein pulsierender Ort von Macht, Wirtschaft und sozialem Austausch im 19. Jahrhundert.
Während seiner langen Geschichte wurde es unterschiedlich genutzt: nach dem Tod von Mayer Carl diente das Palais als öffentliche Bibliothek, später als Bibliotheksverwaltung, ehe es 1988 als Kernbau des Jüdischen Museums eröffnet wurde.
Heute verbindet es auf eindrucksvolle Weise architektonische Substanz und museale Innovation: drei Etagen voller Geschichte, Kunst und Fragen an die Besucher.
Die Rothschild-Familie: Mythos, Einfluss, Alltag
Die Familie Rothschild ist untrennbar mit der Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts verbunden. Ihre Ursprünge in der Frankfurter Judengasse und später ihr Aufstieg zu Bankiers von europäischem Rang illustrieren, wie jüdische Unternehmer in Zeiten von gesellschaftlicher Emanzipation trotz tief verwurzelter Vorurteile Reichtum und Einfluss gewinnen konnten.
Die Ausstellung im Palais widmet diesem Kapitel eine eigene Sektion, in der Besucher anhand von Dokumenten, Alltagsgegenständen und historischen Kontexten mehr über den unternehmerischen Erfolg, aber auch über das soziale Leben der Familie erfahren können.
„Wir sind jetzt“ – Die permanente Ausstellung
Unter dem Titel „Wir sind jetzt. Jüdisches Frankfurt von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ entfaltet sich im Rothschild-Palais ein thematisch und didaktisch stark durchdachtes Panorama jüdischen Lebens in Frankfurt.
Die Ausstellung erstreckt sich über drei Etagen und ist in mehrere Perspektiven gegliedert:
Gegenwart und Nachkriegsgeschichte: Wie hat sich jüdisches Leben nach dem Holocaust wieder aufgebaut? Welche Vielfalt an Lebensentwürfen prägt die Gemeinde heute?
- Tradition, Ritual und Alltag: Besucher*innen begegnen verschiedenen Strömungen des Judentums, ihren Ritualen und Lebensformen.
- Familiengeschichten: Neben der Familie Rothschild stehen zwei weitere Frankfurter Familien im Fokus, darunter auch die Familie von Anne Frank, mit erstmals präsentierten Alltagsobjekten, Briefen und Fotos.
Das beeindruckende Konzept der Ausstellung zeigt, wie dynamisch, widersprüchlich und facettenreich jüdisches Leben in Frankfurt über zwei Jahrhunderte war und ist.
Interaktiv, einladend, nahbar: Museumskonzept im Wandel
Was die Dauerausstellung besonders auszeichnet, ist ihre interaktive und mediale Vermittlung: Historische Objekte treffen auf multimediale Installationen, Schattenspiel-Projektionen und Videoelemente.
Ein Highlight ist die innovative Station „Ask the Rabbi“: Besucher können über ein Tablet Fragen eingeben, die dann virtuell von einem Rabbiner beantwortet werden – ein Dialog zwischen Gegenwart und Tradition, der weit über klassische Museumsbesuche hinausgeht.
Und selbst der Museumsbesuch wird zum Erlebnis: In bequemen Sesseln kann man verweilen, einen Kaffee genießen und sich Zeit nehmen für Gespräche oder stille Reflexion. Diese entspannte Atmosphäre lädt dazu ein, nicht nur Informationen aufzunehmen, sondern sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Zwischen Erinnerung und Gegenwart: Ein Ort der Diskussion
Das Rothschild-Palais spricht nicht nur historisch Interessierte an, sondern ist ein Raum, der gesellschaftliche Fragen unserer Zeit stellt: Wie leben wir zusammen? Welche Rolle spielt Erinnerung in unserer Stadt? Wie verbinden wir Tradition mit Moderne? Die Ausstellung legt Wert auf persönlichen Bezug und regt an, eigene Antworten zu finden.
Das Rothschild-Palais ist mehr als ein Museum: Es ist ein Ort des Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kulturgeschichte und persönlicher Identität. Die Ausstellung „Wir sind jetzt“ lädt dazu ein, Geschichte nicht als ferne Chronik, sondern als lebendige, berührende und interaktive Erfahrung zu begreifen. Wer Frankfurt besucht – oder hier lebt – sollte diesen Ort unbedingt erleben.
Praktische Infos & Besuchertipps
- Jüdisches Museum Frankfurt – Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60311 Frankfurt am Main
- Öffnungszeiten: Di–So 10:00–18:00 (Do bis 20:00)
- Dauerkarte oder Kombiticket erhältlich für wechselnde Sonderausstellungen.
- Koscher-vegane Küche im Life Deli direkt im Museum lädt zum Verweilen ein.
Weiterführende Links
- Infos zur Ausstellung und Öffnungszeiten: offizielle Seite des Jüdischen Museums Frankfurt
- Historische Einordnung des Rothschild-Palais
- Museumsufer Frankfurt
- Bundeszentrale für politische Bildung – Jüdische Geschichte
- Deutsches Historisches Museum – Judentum in Deutschland







