Street Art in Batumi: Wo die Kunst an den Wänden verschwindet
Batumi hatte ich mir vor meiner Reise eigentlich ganz anders vorgestellt. Nicht die Stadt selbst, sondern meine Street-Art-Ausbeute. Ich hatte mich vorbereitet, hatte im Internet nach Hotspots gesucht und mir einige Werke herausgesucht, die ich unbedingt fotografieren wollte. Trotzdem stellte sich schnell heraus: Für Batumi hätte ich deutlich mehr Zeit einplanen sollen.
Denn die Street-Art-Szene der georgischen Schwarzmeerstadt ist groß, vielfältig und gleichzeitig erstaunlich vergänglich. Manche Murals lassen sich problemlos finden. Andere sind verschwunden, weil Gebäude renoviert, Fassaden saniert oder ganze Bereiche neu gestaltet wurden. Und genau darin liegt ein interessanter Widerspruch: Batumi wird schöner, gepflegter und touristisch attraktiver – und verliert dabei gleichzeitig einen Teil seiner spontanen urbanen Kunst.
Für mich war das nicht nur ein Grund, mich über verpasste Motive zu ärgern. Es war vielmehr eine Erinnerung daran, warum ich Street Art fotografiere. Weil sie nicht für die Ewigkeit gemacht ist.
Batumi: Schwarzmeer-Metropole und urbane Kunstgalerie
Batumi ist Georgiens zweitgrößte Stadt und liegt an der Küste des Schwarzen Meeres. Bekannt ist die Stadt vor allem als Badeort, Hafenstadt und touristisches Zentrum der Region Adscharien. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt neben Strand, Boulevard, moderner Architektur und historischen Häusern eine bemerkenswert lebendige Kunstszene.
Auch die offizielle Tourismusorganisation von Batumi beschreibt die Stadt inzwischen als Ort moderner Kunst. Neben Skulpturen und Mosaiken gehört Street Art ausdrücklich dazu. In den vergangenen Jahren haben urbane Erneuerungsprojekte und Street-Art-Festivals dazu beigetragen, dass sich zahlreiche Gebäude und Mauern in großformatige Bildflächen verwandelt haben.
Das Besondere ist dabei die Mischung. In Batumi treffen georgische Künstler auf internationale Street-Art-Künstler, großformatige Murals auf kleine Interventionen und traditionelle Motive auf moderne, manchmal ziemlich schräge Bildwelten.
Für eine Fotografin ist das eine ausgesprochen reizvolle Kombination.
Street Art rund um die Ilia Chavchavadze Street
Meine Vorbereitung war zunächst durchaus hilfreich. Besonders im Bereich der Ilia-Chavchavadze-Straße und ihrer Umgebung konnte ich einige der angekündigten Werke tatsächlich finden.
Die Gegend gehört zu jenen Bereichen Batumis, in denen die Street Art teilweise sehr präsent ist. Auch aktuelle Street-Art-Führer nennen Chavchavadze Street als einen wichtigen Bereich für Murals. So entstand beispielsweise 2025 ein großformatiges Werk des georgischen Künstlers Accent an einem Wohngebäude an der Chavchavadze Street. Es zeigt aus der Perspektive einer schaukelnden Person den Blick auf das Meer und greift damit sehr unmittelbar die Lage Batumis am Schwarzen Meer auf.
Überhaupt spielt das Meer bei der Street Art der Stadt eine auffällige Rolle. Das ist wenig überraschend. Batumi ist eine Hafenstadt, deren Identität eng mit dem Schwarzen Meer verbunden ist. Viele Motive greifen Wasser, Tiere, maritime Themen oder die besondere Atmosphäre der Küstenstadt auf.
Für mich ist genau diese Verbindung zwischen Ort und Motiv spannend. Gute Street Art könnte theoretisch überall entstehen. Besonders interessant wird sie aber dann, wenn sie etwas mit dem Ort zu tun hat, an dem sie zu sehen ist.
Das Batumi Grafikart Festival und die Entwicklung der Szene
Ein wichtiger Baustein für die Entwicklung der Street-Art-Szene war das Batumi Grafikart Festival, das erstmals 2013 stattfand. Das Festival brachte georgische und internationale Künstler zusammen und machte Batumi zu einer wichtigen Station für großformatige urbane Kunst in Georgien. Künstler aus Ländern wie Frankreich, Iran und Deutschland arbeiteten dabei gemeinsam mit lokalen Künstlern. Viele der entstandenen Werke prägen beziehungsweise prägten das Stadtbild.
Auch die Geschichte des Festivals zeigt, dass Street Art in Batumi nicht nur zufällig entstanden ist. Die Stadt hat die Kunstform zunehmend als Teil ihrer kulturellen Identität verstanden.
Hinzu kam die Niko Street Art Movement, die seit 2017 mit lokalen und internationalen Künstlern arbeitet und Street Art gezielt zur Belebung und kulturellen Aufwertung von Städten in Georgien einsetzt. Viele Murals in Batumi tragen deshalb das charakteristische Niko-Logo, einen schwarz-weißen Hund in einem Rechteck.
Das Ziel dahinter ist bemerkenswert: Graue und wenig attraktive Flächen sollen durch Kunst aufgewertet werden, gleichzeitig soll die georgische Street-Art-Szene international sichtbarer werden.
Batumi ist damit längst nicht mehr nur Kulisse. Die Stadt selbst ist zur Leinwand geworden.
Die großen Murals: Vom „Sea Selfie“ bis zum Mann auf dem Pferd
Eines der bekanntesten Werke der Batumi Street Art war beziehungsweise ist „Sea Selfie“ des georgischen Künstlers Bacha Khoperia, der unter dem Namen Dr. Love arbeitet. Das großformatige Werk entstand 2015 an der Batumi Shota Rustaveli State University und wurde über Jahre als eines der größten Street-Art-Werke Georgiens beschrieben.
Gerade „Sea Selfie“ steht beispielhaft für die Dimension, die Street Art in Batumi angenommen hat. Hier geht es längst nicht mehr um ein bisschen Farbe auf einer Hauswand. Großflächige Arbeiten verändern die Wahrnehmung ganzer Gebäude und damit ganzer Straßenzüge.
Ein weiteres bekanntes Werk ist „A Man on a Horse“ des deutschen Künstlers Matthias Mross in der Pirosmani Street. Das realistisch ausgeführte Motiv entstand im Rahmen der Niko-Bewegung und zeigt, wie unterschiedlich die Stilrichtungen innerhalb der Batumi Street Art sein können.
Daneben gibt es Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Tamoonz, Gagosh, Mishiko Sulakauri, Nina K. und weiteren Beteiligten der georgischen Szene. Die Motive reichen von Frauenporträts und Tieren bis zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Und genau diese Mischung macht die Suche so spannend.
Wenn die Kunst verschwindet
Street Art ist vergänglich. Ein Mural kann übermalt werden. Eine Wand kann abgerissen werden. Ein Gebäude kann restauriert werden. Eine Tür kann verschwinden. Ein Sticker kann nach wenigen Tagen nicht mehr existieren. Das ist einerseits schade, andererseits macht genau diese Vergänglichkeit einen Teil des Reizes aus.
Ich fotografiere Street Art deshalb nicht nur, weil ich die Werke schön oder interessant finde. Ich möchte sie auch dokumentieren.
Die Fotografie friert einen Moment ein, der im Stadtraum längst wieder verschwunden sein kann. Das wurde mir in Batumi besonders deutlich. Während ich vor einer frisch renovierten Fassade stand und auf meinem Handy noch das Foto des verschwundenen Murals betrachtete, wurde mir klar, dass meine eigene Street-Art-Fotografie irgendwann eine Art visuelles Archiv sein kann. Nicht im wissenschaftlichen Sinn. Aber als Erinnerung daran, wie eine Stadt einmal aussah.
Schönheit gegen Vergänglichkeit
Dabei ist es wichtig, nicht automatisch jede Renovierung als Verlust zu betrachten. Alt-Batumi hat sich in den vergangenen Jahren sichtbar verändert. Die historische Altstadt besitzt eine bemerkenswerte Mischung aus neoklassizistischen, eklektizistischen, Jugendstil- und orientalischen Einflüssen. Viele Gebäude stammen aus der Zeit des starken wirtschaftlichen Aufschwungs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als Batumi durch Hafen und internationalen Handel enorm an Bedeutung gewann.
Die Sanierung historischer Gebäude kann deshalb einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dieses architektonische Erbe zu erhalten. Nur steht dabei zwangsläufig die Frage im Raum: Was passiert mit der Kunst, die in den vergangenen Jahren auf diesen Fassaden entstanden ist?
Ein restauriertes historisches Gebäude und ein großformatiges Street-Art-Mural müssen sich nicht unbedingt ausschließen. Aber in der Praxis ist das eben nicht immer möglich. Und so verschwinden mitunter Kunstwerke, die selbst längst Teil der Geschichte eines Ortes geworden waren.
Aktuelle Entwicklungen zeigen, wie intensiv in Batumi weiter restauriert und entwickelt wird. Projekte im historischen Zentrum verbinden inzwischen ausdrücklich Sanierung und den Anspruch, den Charakter der alten Stadt zu bewahren. Gleichzeitig sorgen Bau- und Entwicklungsprojekte immer wieder für Diskussionen darüber, wie viel historische Substanz erhalten bleiben kann.
Für Street Art bedeutet das: Das Stadtbild bleibt in Bewegung.
Und irgendwo sitzt eine Katze
Natürlich konnte ich Batumi nicht verlassen, ohne auch hier über eine Katze von Goshaart zu stolpern. Nach meiner Begegnung mit dem russischen Street-Art-Künstler in Tbilisi war ich inzwischen schon entsprechend sensibilisiert. In Tbilisi begegneten mir seine Katzen an den unterschiedlichsten Stellen. Und dann saß tatsächlich auch in Batumi eine seiner kleinen Figuren.
Man könnte fast den Eindruck bekommen, Goshaart hätte sich vorgenommen, Georgien Stück für Stück mit Katzen zu besetzen. Ich wäre jedenfalls nicht überrascht, wenn mir beim nächsten Besuch wieder eine begegnet. Meine Begegnung mit Goshaart in Tbilisi war ohnehin eine der persönlichen Schmunzler meiner Street-Art-Reise durch Georgien. Ich durfte sein Atelier besuchen, mich mit einer seiner Katzen fotografieren lassen und bekam zum Abschied sogar ein Bild von ihm geschenkt, das inzwischen bei mir im Arbeitszimmer hängt.
Der Künstler selbst möchte anonym bleiben. Fotografieren ließ er sich deshalb nicht – eine Haltung, die unweigerlich an Banksy erinnert.
Seine Katzen hingegen sind deutlich weniger kamerascheu.
Warum Batumi mehr Zeit verdient
Mein größter Fehler bei der Vorbereitung war wahrscheinlich, Batumi zu wenig Zeit für die Street-Art-Suche eingeräumt zu haben. Ich hatte mich auf bestimmte Hotspots konzentriert und erwartet, die wichtigsten Werke relativ schnell abarbeiten zu können. Das funktioniert in einer Stadt wie Batumi nur bedingt. Denn Street Art lässt sich nicht immer nach einer Liste besichtigen. Man muss laufen. Man muss um Ecken gehen. Man muss auf Hauswände schauen. Und man muss damit rechnen, dass ein Werk, das auf einer drei Jahre alten Karte eingezeichnet ist, inzwischen nicht mehr existiert. Gleichzeitig können neue Werke entstanden sein, die in keinem Reiseführer stehen. Genau das macht Street-Art-Fotografie für mich so spannend. Sie ist immer auch eine Form der Spurensuche.
Street Art fotografieren bedeutet auch dokumentieren
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis meiner Street-Art-Recherche in Batumi. Ein Foto von Street Art ist nicht nur ein Foto eines Kunstwerks. Es ist gleichzeitig ein Foto eines Ortes, eines bestimmten Zeitpunkts und eines bestimmten Zustands der Stadt. Die Wand gehört zum Motiv. Die Risse gehören dazu. Rost, abgeplatzte Farbe, Graffiti, Pflanzen oder danebenstehende Autos erzählen ebenfalls etwas. Wenn später jemand die Fassade restauriert, ist das ursprüngliche Werk vielleicht verschwunden – aber das Foto bleibt. Für mich ist das ein wesentlicher Teil meiner fotografischen Arbeit. Ich möchte nicht nur die spektakulären Murals zeigen. Mich interessieren auch die kleinen Arbeiten, die unscheinbaren Interventionen und die Kunstwerke, die vielleicht schon morgen nicht mehr existieren.
Batumi hat mich darin einmal mehr bestätigt.
Mein Fazit: Mehr Zeit, mehr offene Augen
Hätte ich gewusst, wie viel Street Art Batumi tatsächlich bietet und wie schnell sich das Stadtbild verändert, hätte ich meiner Reiseplanung mindestens einen zusätzlichen Tag für die Street-Art-Suche gegeben. Denn Batumi ist längst mehr als Schwarzmeerstrand, Boulevard und futuristische Hochhäuser. Die Stadt besitzt eine lebendige urbane Kunstszene mit lokalen und internationalen Künstlern, Festivals, großformatigen Murals und vielen kleinen Überraschungen. Aber Batumi zeigt gleichzeitig die vielleicht wichtigste Eigenschaft von Street Art: Sie ist nicht selbstverständlich und schon gar nicht dauerhaft. Was heute eine Hauswand schmückt, kann morgen verschwunden sein. Vielleicht sollte man deshalb nicht nur nach den berühmtesten Murals suchen. Vielleicht sollte man einfach loslaufen und genau hinschauen. Denn manchmal findet man dabei ein Kunstwerk, das in keinem Reiseführer steht. Oder eine Katze von Goshaart. Und manchmal findet man nur noch die Wand, auf der einmal Kunst war. Auch das ist eine Geschichte.







