Street Art in Tbilisi: Wenn die Stadt zur Galerie wird
Ich hatte vor meiner Reise nach Georgien bereits gelesen, dass Tbilisi ein Hotspot für Street Art sein soll. Das klang vielversprechend, aber ehrlich gesagt hatte ich trotzdem nicht erwartet, wie viel Street Art mir in dieser Stadt tatsächlich begegnen würde.
Manchmal musste ich gar nicht suchen. Ein anderes Mal musste ich sehr genau hinschauen. Und gelegentlich war genau das Suchen der schönste Teil der Geschichte. Tbilisi ist keine Stadt, in der Street Art nur an ein paar ausgewiesenen Wänden stattfindet. Sie taucht auf Hausfassaden, in Unterführungen, an Mauern, in Hinterhöfen und an Orten auf, an denen man sie zunächst überhaupt nicht vermutet.
Für mich war das ein Glücksfall. Denn Street Art ist neben dem Reisen längst ein eigenes großes Kapitel in meinem Leben und auf meinem Blog. Und Tbilisi hat beides auf bemerkenswerte Weise miteinander verbunden: eine faszinierende Stadt entdecken und dabei ständig auf neue Kunst stoßen.
Tbilisi und die Idee von der Stadt als Galerie
Ein wichtiger Impuls für die Entwicklung der großformatigen Street Art in Tbilisi war der Tbilisi Mural Fest, der 2019 erstmals stattfand. Das Motto der ersten Ausgabe lautete sinngemäß: The Street Is Our Gallery. Genau dieser Gedanke beschreibt ziemlich gut, was ich in Tbilisi erlebt habe.
Der Festivalgedanke war, internationale und georgische Künstler zusammenzubringen und Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen. Unterstützt wurde das Projekt unter anderem von der Stadt Tbilisi und der Berliner Senatsverwaltung. Im Laufe der Jahre entstanden Arbeiten unterschiedlichster Stilrichtungen und mit sehr verschiedenen Themen. Von abstrakten Kompositionen über realistische Porträts bis zu ökologischen und gesellschaftlichen Motiven reicht das Spektrum.
Unter den beteiligten Künstlern finden sich Namen wie Faith XLVII, MonkeyBird, JDL, El Bocho, Innerfields, Aphe Noah, Andreas von Chrzanowski und Artez, aber ebenso zahlreiche georgische Künstler. Damit wurde Street Art in Tbilisi nicht einfach zu einer Ansammlung hübscher Fassadenbilder. Sie wurde zu einem Teil der zeitgenössischen Stadtkultur. Und genau das macht für mich den Reiz aus: Man besucht kein Museum und arbeitet keine Ausstellung ab. Man läuft durch eine Stadt und findet Kunst.
Chugureti: Ein Paradies für Street-Art-Fotografen
Besonders viel Spaß hatte ich im Stadtviertel Chugureti, auf der linken Seite der Kura. Rund um das Kulturzentrum Fabrika liegen zahlreiche Werke dicht beieinander. Für jemanden wie mich, der mit Kamera durch eine Stadt läuft und Street Art fotografiert, ist das natürlich eine ziemlich gefährliche Gegend.
Gefährlich deshalb, weil man plötzlich kaum noch vorankommt.
Ein Motiv zieht das nächste nach sich, eine Wand führt zur nächsten Ecke, und irgendwo entdecke ich wieder ein Detail, das ich unbedingt fotografieren möchte. Die Kamera klickt und klickt und klickt – und irgendwann stellt sich die Frage, ob ich eigentlich noch auf einer Städtereise bin oder schon auf einer persönlichen Street-Art-Expedition.
Das ehemalige sowjetische Nähfabrikgebäude Fabrika passt perfekt in diese Umgebung. Die Fabrik wurde zu einem urbanen Kulturzentrum umgebaut und beherbergt heute unter anderem Ateliers, Geschäfte, Cafés, Bars, Arbeitsräume und einen großen Innenhof. Fabrika selbst versteht sich als Ort, an dem Menschen kreativ arbeiten, sich austauschen und gemeinsam Projekte entwickeln.
Auch Street Art gehört hier von Anfang an zur Geschichte des Ortes. Das zeigt beispielsweise das Fabrikaffiti Urban Art Festival, das seit 2016 Künstler zusammenbringt und die Wände des Areals immer wieder verändert. 2022 fand die fünfte Ausgabe nach einer zweijährigen Pause statt; neben dem Bemalen der Wände gehörten unter anderem Diskussionen, Workshops, Filmvorführungen und weitere urbane Kunstformen zum Programm.
Für mich war Chugureti deshalb einer dieser Orte, an denen ich gar nicht das Gefühl hatte, Street Art „besichtigen“ zu müssen. Sie war einfach da. In den Straßen, auf den Wänden und zwischen der alten Architektur.
Und meine Kamera war entsprechend beschäftigt.
Die Unterführung unter der Baratashvili-Brücke
Eine der Überraschungen meiner Street-Art-Tour durch Tbilisi war die Unterführung an der Baratashvili-Brücke.
Unterführungen gehören normalerweise nicht unbedingt zu den Orten, an denen man spontan eine Galerie vermutet. In Tbilisi lohnt sich allerdings genau dieser Blick nach unten. Die Unterführung ist mit einer Vielzahl von Street-Art-Arbeiten gestaltet und wirkt stellenweise wie eine Open-Air-Galerie.
Die dokumentierte „Underpass Gallery“ liegt im Bereich der Kreuzung von Nikoloz-Baratashvili-Brücke und Kosta-Khetagurov-Straße. Bereits ältere Aufnahmen zeigen dort eine bemerkenswerte Vielfalt an Arbeiten.
Ich fand gerade diesen Ort spannend, weil hier sehr unterschiedliche Bildwelten nebeneinander existieren. Figuren, Tiere, humorvolle Motive und größere Wandbilder treffen auf die eher raue Architektur einer Unterführung.
Und wieder zeigt sich etwas, das ich an Street Art besonders mag: Der Ort ist Teil des Kunstwerks.
Eine Arbeit im weißen Galerieraum kann man ausstellen. Eine Arbeit unter einer Brücke muss sich mit Beton, Verkehr, Schatten, Licht, Abnutzung und dem täglichen Leben auseinandersetzen. Sie ist nicht losgelöst von ihrer Umgebung.
Ein König an der Hauswand – und eine kleine Korrektur
Besonders lange gesucht habe ich nach einem riesigen Mural des dänischen Künstlers Peter Skensved. Ich hatte es vor meiner Reise unbedingt fotografieren wollen und irgendwann stand ich tatsächlich davor.
Allerdings muss ich an dieser Stelle eine Information korrigieren, die ich zunächst selbst übernommen hatte: Das Mural zeigt nicht König Erekle II., sondern König Davit IV. Aghmashenebeli, David den Erbauer.
Das lässt sich inzwischen gut belegen. Peter Skensved schuf das großformatige Werk gemeinsam mit georgischen Künstlern und unter Beteiligung der Georgian Street Art Federation. Es zeigt David Aghmashenebeli, einen der bedeutendsten Herrscher der georgischen Geschichte.
Davit IV. regierte im 11. und 12. Jahrhundert und gilt als eine zentrale Figur der georgischen Geschichte. Unter seiner Herrschaft wurde Georgien politisch und militärisch gefestigt. Besonders bekannt ist sein Sieg in der Schlacht von Didgori 1121, die als entscheidender Moment der georgischen Geschichte gilt. Das Mural greift neben dem Porträt des Königs auch diese historische Dimension auf.
Dass ein mittelalterlicher georgischer König heute als riesiges Wandbild an einem modernen Gebäude erscheint, finde ich bemerkenswert. Geschichte steht hier nicht im Museum, sondern mitten im Alltag.
Und genau darin liegt für mich eine der großen Stärken von Street Art. Sie kann historische Figuren, gesellschaftliche Themen oder kulturelle Identität aus dem geschützten Rahmen eines Museums herausholen und mitten ins Leben stellen.
Peter Skensved arbeitet übrigens seit Jahrzehnten mit großformatiger Kunst im öffentlichen Raum. Seine Arbeiten verbinden klassische und barocke Bildsprache mit grafischen Elementen und Einflüssen aus der Graffiti-Kultur.
Und dann waren da überall diese Katzen
Wenn ich nach meiner Reise eine einzige Street-Art-Figur mit Tbilisi verbinden müsste, wären es vermutlich Katzen. Genauer gesagt: die Katzen von Goshaart.
Sie tauchen an den unterschiedlichsten Stellen der Stadt auf. Mal sitzen sie scheinbar völlig selbstverständlich an einer Wand, mal bekommen sie Gesellschaft, mal wird aus einer kleinen Intervention ein humorvolles Miniaturtheater. Besonders schön fand ich, dass manche Arbeiten so klein und beiläufig sind, dass man sie tatsächlich übersehen kann.
Goshaart ist damit zu einem der Künstler geworden, die ich mit meiner persönlichen Street-Art-Erkundung von Tbilisi ganz besonders verbinde.
Und aus der fotografischen Begegnung wurde schließlich sogar eine persönliche.
Besuch im Atelier – und ein Künstler ohne Kopf
Ich hatte mich mit Goshaart in seinem Atelier verabredet. Eigentlich war ein Interview geplant. Ich war vorbereitet, hatte Fragen notiert und mir natürlich vorgenommen, anschließend auch etwas über den Künstler und seine Arbeit zu erzählen.
Dann kam die kleine Überraschung: Filmen ja, aber bitte ohne Kopf.
Der Künstler möchte anonym bleiben. Ein bisschen erinnerte mich das natürlich an Banksy. Nur dass ich keinen Bauchredner filmen wollte, bei dem die Stimme aus dem Off kommt und der eigentliche Protagonist vorsichtshalber außerhalb des Bildes bleibt.
Also haben wir das Interview kurzerhand vergessen. Und das war vielleicht sogar die bessere Entscheidung.
Wir haben uns einfach unterhalten. Über seine Kunst, über die Stadt und natürlich über Katzen. Zwei davon leben auch bei ihm im Atelier beziehungsweise mit ihm. Was wiederum erklärt, warum die Tiere in seinem Werk so präsent sind.
Ich habe ihn schließlich „kopflos“ fotografiert, durfte mich mit einer seiner Katzen fotografieren lassen und bekam zum Abschied sogar ein Bild von ihm geschenkt. Das hängt inzwischen bei mir im Arbeitszimmer.
Eine ziemlich schöne Erinnerung an Tbilisi – und vermutlich eines der wenigen Souvenirs, die ich jeden Tag sehe. Nur eines beschäftigt mich noch immer: Schade, dass Goshaart nie einen Hund hatte. Vielleicht wäre Tbilisi dann heute voller Hunde…
Street Art, die nicht nur schön sein muss
Was mich an Tbilisi besonders beeindruckt hat, ist die enorme Bandbreite.
Street Art muss hier nicht immer das große, perfekt fotografierbare Mural sein. Manchmal ist es ein kleines Bild an einer rostigen Tür. Ein Motiv in einer Unterführung. Ein Sticker. Ein Paste-up. Eine Katze. Eine politische Anspielung. Ein Porträt. Oder eine Wand, bei der man erst im Vorübergehen merkt, dass hier jemand mit erstaunlicher Präzision gearbeitet hat.
Das passt zu meiner eigenen Art zu fotografieren. Ich suche nicht ausschließlich nach den spektakulärsten Motiven. Mich interessieren auch die kleinen Dinge, die eine Stadt erzählen. Gerade Street Art eignet sich dafür wunderbar, weil sie so eng mit dem urbanen Alltag verbunden ist.
Und Tbilisi erzählt auf seinen Wänden ziemlich viel.
Von georgischer Geschichte und Identität, von internationalen Einflüssen, von gesellschaftlichen Themen, von Humor und natürlich von der enormen Kreativität der Menschen, die diese Stadt als Leinwand benutzen.
Tbilisi mit der Kamera entdecken
Für mich war deshalb die Street-Art-Szene mehr als ein zusätzlicher Programmpunkt meiner Georgienreise.
Sie hat meinen Blick auf Tbilisi verändert.
Ich bin durch Straßen gegangen, die ich ohne Kamera vermutlich einfach passiert hätte. Ich habe Fassaden genauer betrachtet, in Unterführungen geschaut, Hinterhöfe entdeckt und irgendwann wahrscheinlich jedes Katzenmotiv verdächtigt, von Goshaart zu stammen.
Genau das mag ich am Fotografieren auf Reisen.
Die Kamera ist für mich kein Instrument, mit dem ich lediglich Erinnerungen festhalte. Sie verändert die Art, wie ich eine Stadt wahrnehme. Ich gehe langsamer. Ich schaue genauer hin. Ich entdecke Details. Und manchmal führt mich ein kleines Kunstwerk an einen Ort, den ich ohne dieses Kunstwerk niemals gefunden hätte.
Tbilisi hat mir dafür reichlich Gelegenheit gegeben.
Street Art als Teil einer Reise
Vielleicht ist das auch der Grund, warum Street Art inzwischen neben dem Reisen ein so großes Kapitel auf meinem Blog und in meinem Leben geworden ist. Beides lässt sich für mich kaum noch voneinander trennen.
Eine Stadt besteht schließlich nicht nur aus Kirchen, Museen, Palästen und Sehenswürdigkeiten. Sie besteht auch aus ihren Straßen, ihren Menschen, ihren Geschichten und aus dem, was an ihren Wänden passiert.
In Tbilisi wird das besonders sichtbar.
Hier kann ein mittelalterlicher König über eine Hauswand wachen, während ein paar Straßen weiter eine Katze von Goshaart auf einem Stromkasten sitzt. In Chugureti verwandeln Künstler alte industrielle Architektur in eine urbane Galerie. Und unter einer Brücke wartet eine komplette Welt aus Farbe, Figuren und Geschichten.
Vielleicht ist genau das die schönste Form von Stadterkundung: Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet. Ich jedenfalls hatte vor meiner Reise mit viel Street Art gerechnet. Aber dass Tbilisi mich fotografisch derart beschäftigen würde, hat mich dann doch überrascht.
Und deshalb lautet mein persönliches Fazit nach dieser Reise ziemlich eindeutig:
Tbilisi ist nicht nur eine Stadt, die man anschauen kann. Tbilisi ist eine Stadt, die man lesen muss – manchmal eben auf der Wand.







