Gveleti-Wasserfall in Georgien – Ein steiniger Weg zum großen Wasserfall bei Kazbegi
Wenn der Wasserfall plötzlich wichtiger wird als die Kamera
Ich bin nicht unbedingt der Mensch, der bei dem Wort „Wanderung“ spontan begeistert die Wanderschuhe schnürt. Schon gar nicht, wenn es heißt: steil, steinig und bergauf.
Aber manchmal landet man eben trotzdem mitten auf einem Wanderweg. Und wenn man schon in Kazbegi im Großen Kaukasus unterwegs ist, gehört der Gveleti-Wasserfall offenbar zu den Dingen, die man gesehen haben sollte.
Also los. Zum Glück hatte ich bereits im vergangenen Jahr in vernünftige Wanderschuhe investiert. Eine Entscheidung, über die ich spätestens auf dem steinigen Aufstieg zum großen Gveleti-Wasserfall ausgesprochen froh war. Wer hier mit glatten Sneakern unterwegs ist, dürfte schnell feststellen, dass der Kaukasus wenig Wert auf modische Fußbekleidung legt.
Der große Gveleti-Wasserfall liegt in der Nähe des kleinen Ortes Gveleti, unweit von Stepantsminda und der Georgischen Heerstraße. Die Wasserfälle befinden sich in einer tief eingeschnittenen Schlucht des Großen Kaukasus und gehören zu den beliebten Ausflugszielen rund um Kazbegi. Neben dem großen gibt es ganz in der Nähe auch einen kleineren Gveleti-Wasserfall.
Gveleti – zwei Wasserfälle in einer wilden Berglandschaft
Gveleti bedeutet nicht einfach nur „Wasserfall“. Vielmehr handelt es sich um ein kleines Seitental bei Gveleti, in dem zwei Wasserfälle liegen. Der große und der kleine Gveleti sind durch Wege miteinander verbunden, wobei die Routen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade aufweisen.
Der große Wasserfall liegt am Ende einer engen, von steilen Felswänden eingefassten Schlucht. Der Weg dorthin führt über einen felsigen und teilweise deutlich ansteigenden Pfad. Je nach gewähltem Ausgangspunkt und Route werden für den Weg unterschiedliche Distanzen angegeben. Wer vom weiter unten gelegenen Parkplatz startet, hat ungefähr einen Kilometer Wegstrecke bis zum großen Wasserfall vor sich. Andere Beschreibungen beziehen sich auf einen höher gelegenen Ausgangspunkt und kommen deshalb auf deutlich kürzere Strecken.
Auch die Gehzeit hängt entsprechend von Ausgangspunkt, Tempo und Wegbedingungen ab. Für mich waren ungefähr 40 Minuten bergauf und rund 30 Minuten zurück eine realistische Größenordnung. Wer langsam unterwegs ist und häufiger stehen bleibt, sollte lieber etwas mehr Zeit einplanen.
Das Gelände ist nicht technisch schwierig, verlangt aber Trittsicherheit. Lose Steine, unebener Untergrund und steilere Passagen machen gutes Schuhwerk wirklich sinnvoll. Aktuelle Reiseinformationen empfehlen ebenfalls ausdrücklich feste Wanderschuhe.
Fünf Lari fürs Parken und dann geht es bergauf
Am Ausgangspunkt befindet sich ein Parkplatz, für den bei meinem Besuch fünf Lari verlangt wurden. Danach heißt es: zu Fuß weiter.
Schon die ersten Meter machen deutlich, dass dies kein Spaziergang über einen perfekt ausgebauten Wanderweg wird. Der Pfad führt durch eine wilde Berglandschaft, vorbei an Felsen und dichtem Grün. Das Wasser begleitet den Weg und kündigt akustisch bereits an, dass irgendwo dort oben das eigentliche Ziel wartet.
Natürlich hatte ich auch hier die Kamera dabei. Was sollte ich auch sonst machen?
Schon unterwegs entdeckte ich einen rostigen Baucontainer, der offenbar irgendwann einmal jemandem als perfekte Leinwand gedient hatte. Eine kleine, ziemlich verfallene Überraschung am Wegesrand und natürlich genau die Art von Motiv, die mir auffällt.
Für einen Moment war ich wieder in meinem eigentlichen Element: Street-Art-Spuren und Lost-Place-Ästhetik statt Wandersport.
Irgendwann gewinnt der Weg gegen die Fotografie
Der zweite Teil des Aufstiegs war dann allerdings weniger entspannt. Die Steine wurden wichtiger als die Motive. Jeder Schritt musste sitzen, und irgendwann konzentrierte ich mich hauptsächlich darauf, weder selbst noch meine Kamera den Weg nach unten etwas schneller als geplant anzutreten.
Eine gute Kamera ist schließlich kein besonders geeignetes Sportgerät.
Und an dieser Stelle noch einmal ein ganz persönliches Dankeschön an Jörg für die helfende Hand, die ich auf solchen Wegen durchaus gern annehme.
Während andere offenbar völlig selbstverständlich über die Steine kletterten, war ich zunehmend der Meinung, dass man einen Wasserfall auch durchaus aus der Ferne würdigen könnte. Aber nun war ich einmal unterwegs. Also weiter.
Endlich: der große Gveleti-Wasserfall
Und dann ist er plötzlich da. Der große Gveleti-Wasserfall stürzt am Ende der felsigen Schlucht in die Tiefe. Je nach Quelle wird seine Fallhöhe unterschiedlich angegeben; häufig werden rund 40 Meter genannt. Unabhängig von der exakten Zahl wirkt der Wasserfall vor Ort beeindruckend, weil die Felswände die Kaskade regelrecht einrahmen und die Gischt weit in die Umgebung sprüht.
Nach dem Aufstieg war zunächst einmal Pause angesagt. Das Wasser rauschte, die Gischt kühlte angenehm und die Stimmung unter den Wanderern war ausgesprochen gut. Man hatte es geschafft. Alle waren glücklich.
Ich hingegen stand da und dachte kurz über die Verhältnismäßigkeit meiner sportlichen Leistung nach. Meine Bemerkung „Was für ein Stress, nur um zu sehen, wie Wasser den Berg runterläuft“ kam erstaunlicherweise nicht besonders gut an.
Manchmal muss man als Reisejournalistin eben auch verbale Risiken eingehen.
Ein Wasserfall mit Erfrischungsgarantie
Tatsächlich versteht man am Ziel ziemlich schnell, warum sich so viele Menschen den Weg antun. Die Gischt des Wasserfalls sorgt an heißen Sommertagen für eine angenehme Abkühlung. Dazu kommt die besondere Akustik der Schlucht. Das Wasser prallt auf die Felsen, rauscht durch das Tal und überlagert für einen Moment alle anderen Geräusche.
Nach dem doch recht anstrengenden Aufstieg ist dieser Ort eine ziemlich perfekte natürliche Klimaanlage. Und natürlich auch ein großartiges Fotomotiv.
Auch der kleine Gveleti-Wasserfall wartet
Wer noch Energie hat, kann anschließend auch den kleineren Gveleti-Wasserfall erkunden. Beide Wasserfälle liegen in den verzweigten Armen des Gveleti-Tals und sind nicht weit voneinander entfernt. Der kleinere Wasserfall ist weniger spektakulär, bietet aber eine andere Atmosphäre und lässt sich gut mit dem Besuch des großen Wasserfalls verbinden.
Wer wie ich irgendwann der Meinung ist, dass ein Wasserfall für einen Tag ausreichend ist, kann sich allerdings auch einfach wieder auf den Rückweg machen.
Warum gute Wanderschuhe hier wirklich wichtig sind
Gveleti ist kein Hochgebirgstreck mit alpinen technischen Schwierigkeiten. Trotzdem sollte man den Weg nicht unterschätzen. Der Untergrund ist stellenweise steinig und uneben, dazu kommen Steigungen und je nach Wetter rutschige Passagen. Gerade beim Abstieg wird deutlich, wie wichtig gutes Profil ist. Meine Wanderschuhe haben sich jedenfalls einmal mehr als hervorragende Investition erwiesen.
Wer Gveleti besuchen möchte, sollte außerdem ausreichend Wasser, Sonnenschutz und eine leichte Regenjacke dabeihaben. Im Kaukasus kann sich das Wetter schnell verändern. Und wer eine Kameraausrüstung mitführt, sollte sie gut sichern. Das gilt insbesondere für die steinigen Abschnitte des Weges.
Ein kurzer Ausflug, der länger im Gedächtnis bleibt
Im Vergleich zu vielen großen Wanderungen rund um Kazbegi ist der Gveleti-Wasserfall eine relativ kurze Tour. Genau deshalb lässt er sich gut in einen Tag rund um Stepantsminda und die Georgische Heerstraße integrieren.
Die Kombination aus wilder Schlucht, felsigem Weg und Wasserfall macht den Ausflug abwechslungsreich. Aktuelle Reiseinformationen rechnen je nach Ausgangspunkt mit etwa ein bis drei Stunden für den gesamten Aufenthalt beziehungsweise die Wanderung zu den Wasserfällen.
Für mich persönlich war es allerdings weniger die sportliche Herausforderung, die den Ausflug besonders machte. Es waren die kleinen Dinge am Wegesrand, die Landschaft, die Menschen, die gemeinsam oben ankamen, die erfrischende Gischt und natürlich die Erkenntnis, dass man manchmal auch Dinge tun muss, auf die man eigentlich keine große Lust hat.
Mein Fazit: Ja, der Weg lohnt sich
Ich werde vermutlich auch nach Gveleti nicht zur passionierten Bergwanderin mutieren. Aber ich muss zugeben: Der große Gveleti-Wasserfall war die Mühe wert.
Der Weg ist kurz genug, dass man ihn auch ohne ambitionierte Bergsteigerkarriere bewältigen kann, gleichzeitig aber anspruchsvoll genug, dass man sich oben tatsächlich ein bisschen stolz fühlt.
Und spätestens wenn das Wasser vor einem in die Tiefe stürzt und die Gischt ins Gesicht sprüht, ist die Anstrengung vergessen. Fast. Denn natürlich musste ich auf dem Rückweg wieder über dieselben Steine. Aber diesmal wusste ich wenigstens, dass unten keine weiteren 80 Meter Wasserfall auf mich warteten. Und das war irgendwie beruhigend.







