Fikri Anıl Altıntaş: Zwischen uns liegt August

Fikri Anıl Altıntaş
Fikri Anıl Altıntaş

Inhalt

Fikri Anıl Altıntaş liest aus „Zwischen uns liegt August“ in der Schnitzlersche Buchhandlung

Zwischen Trauer, Erinnerung und Migration
Am 19. Februar 2026, dem Jahrestag des Anschlags in Hanau, wurde es still in der Schnitzlerschen Buchhandlung in der Wetzlarer Altstadt. Ein Moment des Gedenkens eröffnete die Lesung von Fikri Anıl Altıntaş – bewusst gewählt, wie der Autor erklärte. Erinnerung, Verlust und gesellschaftliche Verantwortung bildeten den Rahmen eines Abends, der weit über Literatur hinausging.
Der in Wetzlar geborene Politikwissenschaftler arbeitet heute als Projektmanager bei der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa in Berlin. Er studierte Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin sowie Politikwissenschaft in Tübingen. Forschungsaufenthalte führten ihn nach Istanbul, in den Kosovo und nach Serbien. In deutschen Medien veröffentlichte er journalistische Beiträge zu Männlichkeit und Orientalismus. Als #HeForShe-Botschafter von UN Women Germany engagiert er sich für Geschlechtergerechtigkeit.
An diesem Abend jedoch sprach vor allem der Sohn.

Worum geht es in „Zwischen uns liegt August“?

Der Roman erzählt von einem erwachsenen Sohn, der seine Mutter in den letzten Wochen ihres Lebens begleitet. Der Alltag gibt den Rhythmus vor: Kochen, Krankenhausflure, Hoffen, Abschiednehmen. Zwischen diesen Momenten öffnen sich Erinnerungsräume – an Geschichten, die immer erzählt wurden, und an jene, die nur zwischen den Zeilen existierten.
Parallel führt die Erzählung ins Jahr 1973 nach Aydın in der Westtürkei. Mürüvvet ist eine junge Frau voller Träume, in einer Zeit politischer Umbrüche. Sie versucht, ihren Vater davon abzuhalten, sie nach Deutschland mitzunehmen. Sie fürchtet um ihre Zukunft – bis der Gedanke an Deutschland selbst zu einer Möglichkeit wird.
Die beiden Zeitebenen laufen auf ein gemeinsames Motiv hinaus: ein Geburtstagsessen. Überhaupt, so sagte Altıntaş augenzwinkernd, sei das Buch voller Rezepte und nichts für hungrige Leser.

Die Mutter neu sehen

Im Zentrum steht eine leise, aber grundlegende Frage: Was wissen Kinder eigentlich über ihre Eltern – jenseits ihrer Rolle als Mutter oder Vater?
Altıntaş stellt sich selbstkritische Fragen. Hätte er ein besserer Sohn sein können? Warum habe er seine Mutter vor allem als Mutter wahrgenommen – und nicht als eigenständige Frau mit eigenen Sehnsüchten? „Ich war zu selten stolz auf dich“, sagt er rückblickend.
Ein Satz aus dem Roman hallt besonders nach:

  • „Wenn du noch Eltern hast, hast du zwei Flügel. Stirbt die Mutter, fehlt ein Flügel und du kannst nicht mehr fliegen.“


Das Buch verhandelt auch familiäre Machtverhältnisse. Warum zählt häufig das Wort des Vaters mehr, obwohl die emotionale Bindung zur Mutter so tief ist? Und was geschieht mit einer Familie, wenn Routinen enden und eine tragende Figur fehlt?

Migration, Recherche und Erinnerungskultur

Für die Rückblenden ins Jahr 1973 recherchierte Altıntaş intensiv. Ein Onkel unterstützte ihn über soziale Medien mit Erinnerungen an die damalige politische und gesellschaftliche Situation in der Türkei. So entstand ein differenziertes Bild einer jungen Frau zwischen familiären Erwartungen und eigenen Träumen.
Erschütternd ist die späte Bilanz der Mutterfigur: Sie erkennt, einen hohen Preis gezahlt zu haben – immer für die Familie da gewesen zu sein, Ängste und Erwartungen getragen zu haben, statt die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen.
Auch der Umgang mit Trauer wird thematisiert. In Deutschland, so reflektiert der Autor, herrsche häufig die Erwartung, irgendwann „funktionieren“ zu müssen. Andere Kulturen ließen Trauer länger sichtbar und gemeinschaftlich zu.

Ein persönlicher Abend in Wetzlar

Die Buchhandlung war bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Publikum saß auch der Vater des Autors, ein pensionierter Lehrer. Zwischen ernsten Passagen erzählte Altıntaş mit feinem Humor von Kindheitserinnerungen an die lange Wursttheke im Wetzlarer Baumarkt, wo ein kleines Würstchen zum festen Ritual gehörte. Und er verriet, dass ausgerechnet Bienenstich zu den beliebtesten Kuchen vieler türkischer Migrantenfamilien zähle.
Nach der Lesung blieb Zeit für Gespräche bei einem Glas Wein. Bücher wurden signiert, Gedanken geteilt.

Literatur als Einladung zum Gespräch

„Das Internet ist ein Ort, dem man nicht trauen kann“, heißt es im Roman. Vielleicht ist Literatur deshalb ein so wichtiger Gegenraum: Sie zwingt zur Verlangsamung und zur Auseinandersetzung
„Zwischen uns liegt August“ verschiebt den Blick auf die eigene Mutter. Das Buch kann ein Anstoß sein, Fragen zu stellen – solange es noch möglich ist. Und es erinnert daran, dass Liebe manchmal erst im Rückblick ihre volle Sprache findet.
Ein Dank gilt der Schnitzlerschen Buchhandlung, die immer wieder Räume für solche Abende schafft.

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